13.04.14
Diese Woche komme ich nicht drum herum, mich in eine Diskussion einzumischen, ohne wirklich etwas dazu beitragen zu können.
Akif Pirinçci hat ein neues Buch "verbrochen". Verbrochen scheint in diesem Zusammenhang nicht falsch zu sein. "Deutschland von Sinnen - Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer"
Ich habe viel von Pirinçci gelesen - und werde noch mehr von ihm lesen. Aber dieses Buch wird wahrscheinlich nicht dazu gehören.
Pirinçci ist ein ganz hervorragender Autor, weil er keine Hemmungen kennt. Seine Bücher sind manchmal pornographisch, manchmal ordinär, aber sie stellen immer das Leben dar - so wie es auch sein kann.
Nicht mein Leben. Nicht meine Sprache. (Manches würde ich gerne so schreiben können, wie er das tut, aber dazu habe ich dann doch zuviele Hemmungen. Und meine Frau hat eh schon mit einigem große Probleme, was dann bei meinen Lesern gut ankommt. Vielleicht bin ich daher der einzige Schriftsteller, dessen Partnerin nicht seine wichtigste Leserin ist.)
Pirinçci ist brutal, sadistisch, rücksichtslos - als Schriftsteller. Er ist kompromisslos - als Schriftsteller.
All das, was seine Bücher ausmacht - wird nun kritisiert.
Fragmente
„Doch, auch. Aber vor allem für mich selbst. Wenn ich schreibe, denke ich nicht daran, was irgendein mir völlig fremder Mensch darüber denken könnte. Natürlich war mir immer wichtig, was Karin sagt. Deshalb hab ich einiges nicht so geschrieben, wie ich eigentlich wollte.“
„Sie haben sich selbst zensiert.“
„Das tut doch jeder Schriftsteller. Mal mehr – mal weniger. Ich hab Kollegen, die haben keine Hemmungen, alles, was ihnen durch den Kopf geht, auch zu Papier zu bringen. ‚Zu Papier bringen“ - was für ein altertümlicher Ausdruck. Keiner bringt heute noch was zu Papier. Die Tat hat sich geändert. Aber der Ausdruck für die Tat nicht.“
Jeder Leser macht sich ein eigenes Bild vom Autor. Ich für meinen Teil bin häufig erstaunt, wenn ich Bilder von Schriftstellern sehe, wenn ich sie höre, wenn ich sie erlebe, weil der Eindruck, den ich durch die Lektüre gewonnen habe, häufig nicht zu dem paßt, was ich mir vorgestellt habe. Das liegt daran, dass ich den (unvollständigen) Eindruck mit meiner eigenen Persönlichkeit auffülle. Und - auch wenn sich das zunächst mal überheblich anhört: Niemand ist wie ich. Und nicht wie Sie. Oder nicht wie ... setzen Sie einfach einen Namen ein, es wird fast immer richtig sein.
Pirinçci kam als Kind nach Deutschland. Von Geburt Türke, wurde er hier sozialisiert. Und er hat alles durchlebt, was ein hier geborener Mensch auch durchlebt. Für mich ist Pirinçci Deutscher. Und wie alle Deutschen (gilt natürlich auch für die Bürger anderer Staaten) bildet er sich Meinungen zu dem was er sieht, hört, erlebt. Daraus zieht er Schlußfolgerungen. Es sind nicht meine Schlußfolgerungen, aber es sind keine, die - selbst wenn er die politische Macht dazu hätte - den Untergang unseres Staates herbeiführen würden.
Es sind Schlußfolgerungen, zu denen vor ihm schon andere gekommen sind. Der einzige Unterschied besteht darin, dass man davon ausgeht, dass ein Schriftsteller nachdenkt, bevor er etwas veröffentlicht. Ex-Bundesbanker tun es nicht, und Akif Pirinçci tut es auch nicht. Weil es für ihn die innere Schere nicht gibt. Was er denkt, bringt er zu Papier (den obige Abschnitt habe ich tatsächlich diese Woche korrigiert. Ein Zufall.) Und weil er schon mehrere Bücher erfolgreich (enorm erfolgreich) veröffentlicht hat, findet er dafür auch einen Verlag. Und Leser. Leser, von denen wahrscheinlich viele ansonsten keines seiner Bücher in die Hand nehmen würden. Pirinçci verprellt mit "Deutschland von Sinnen - Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer" seine Stammleser. Ob er sich langfristig damit einen Gefallen tut, weiß ich nicht. Immerhin lebt er vom Verkauf seiner Romane. Man wird sie in Zukunft mit anderen Augen lesen.
Maria & Ralf
Als sie das Haus betraten, kam ihnen die junge Engländerin entgegen, deren Gesicht man aus der Presse kannte, die hier mit einfachem Shirt, Jeans und Schürze (an der sie sich die Hände abputzte) aber kaum wieder zu erkennen war.
„Kate“, rief Maria. „Das ist eine Überraschung. Wie machst du das nur? Du siehst jedes Mal bessser aus.“
„Wenn ich das zu dir sagen würde, würde es stimmen.“ Die beiden Frauen fallen sich in die Arme. Man kennt sich, man schätzt sich.
Schriftsteller sind Teil unserer Gesellschaft. Daher sollen sie sich engagieren.
Man kann nicht erwarten, dass alle Schriftsteller der SPD (die in Baden-Württemberg der CDU so ähnlich geworden ist, dass sie unwählbar ist) oder den Grünen (deren baden-württembergischer Landesvorsitzer sich aus Machtversessenheit lieber den CDU-Wählern als den eigenen Wählern andient) zugeneigt sind. Es gab und gibt schon immer Schriftsteller, die sich nicht schämten, sich für die FDP, CDU oder noch schlimmere Parteien zu engagieren. Es ist ihr gutes Recht. Weil jeder von ihnen und uns das Recht auf seine Meinung hat.
Meinung. Darin ist "Mein" enthalten. Mein muss nicht dein sein. Pirinçcis Meinung muss nicht meine sein, muss nicht Ihre sein.
Man kann sich mit Pirinçcis Thesen auseinandersetzen. Man muss es nicht.
Bedenklich wird es nur, wenn man sich - ohne sich damit auseinandergesetzt zu haben - zu eigen macht. So wie das bei Sarrazin der Fall war. Die meisten, die sich auf seine Seite geschlagen haben, werden seine Argumentationen nicht wirklich wiedergeben können, wenn sie das Buch überhaupt jemals gelesen haben. Die meisten seiner "Fans" werden wohl eher Jerry Cotton als Günter Grass lesen. Ich habe es nicht gelesen, weil mein Leben für die Lektüre von Politikerbüchern zu kurz ist.
Nach diesem Buch wird Pirinçci es wohl schwer haben, einen neuen Roman (und außer zwei Felidae-Romanen hat er in den letzten Jahren nichts veröffentlicht) bei einem renommierten Verlag unterzubringen. Wenn er etwas nachgedacht hätte, wäre das für ihn vorhersehbar gewesen. Aber wenn er nachgedacht hätte, wenn er sich selbst zurückgehalten hätte, wäre er nicht Akif Pirinçci.