Agatha Christie - Jane Marple
Gibt es jemanden, der die Margaret Rutherford-Filme nicht mag? Ich kenne keinen. Aber so gut sie auch waren, sie hatten nichts oder so gut wie nichts mit den Büchern zu tun (Mr. Stringer ist eine Film-Erfindung, St. Mary Mead wurde zu Milchester), ja die Autoren bearbeiteten sogar Hercule Poirot-Romane für Mrs. Rutherford.

Helen Hayes war so so lala, Angela Lansbury sehr überzeugend, aber leider nur in einem Film. Unübertroffen werkgetreu ist die Reihe mit Joan Hickson, die im Fernsehen leider nur noch selten zu sehen ist.

Die Neuverfilmungen mit Geraldine McEwan kann man anschauen. Sie sehen gut aus, haben mit den Vorlagen aber meist nichts zu tun.

Jahr
Originaltitel
Deutscher Titel

1930 The Murder at the Vicarage Mord im Pfarrhaus
1932 The Thirteen Problems Der Dienstagabend-Klub
1942 The Body in the Library Die Tote in der Bibliothek
1943 The Moving Finger Die Schattenhand
1950 A Murder is Announced Ein Mord wird angekündigt
1952 They Do It with Mirrors Fata Morgana
1953 A Pocket Full of Rye Das Geheimnis der Goldmine
1957 4.50 from Paddington 16 Uhr 50 ab Paddington
1962 The Mirror Crack'd from Side to Side Mord im Spiegel
1964 A Caribbean Mystery Karibische Affäre
1965 At Bertram's Hotel Bertrams Hotel
1971 Nemesis Das Schicksal in Person
1976 Sleeping Murder Ruhe unsanft

At Bertram's Hotel

At Bertram's Hotel (1965)
Pocket (1973)

Agatha Christie: At Bertram's Hotel
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In einem Hotel, in dem Jane Marple gerne absteigt, geschieht ein Mord.

Mit Joan Hickson verfilmt. Erstaunlich, daß Christie ihre Version der Jane Marple nicht der überaus erfolgreichen Filmfigur geopfert hat.

Was ich vor 2001 zu Christies 10. Marple-Roman geschrieben habe, war wirklich nicht viel.

Bertram's Hotel steht mitten in London. Es ist ein Hotel, in dem das Gestern, an das man sich zu erinnern glaubt, konserviert ist. Miss Marple verbringt dort zwei Wochen, in denen sie immer mehr den Eindruck hat, sich in einer Kulisse zu bewegen.

Im Hotel sind ziemlich merkwürdige Gestalten unterwegs, darunter eine Abenteurerin und die von ihr getrennt aufwachsende Tochter, dazu amerikanische Touristen und ein ziemlich verwirrter Pfarrer. Als der eines Tages verschwindet, muss die Polizei mit Ermittlungen beginnen.

Nein, das ist keiner der großen Marple-Romane.

Es fängt eigentlich schon auf dem Cover an. Die dort abgebildete weißhaarige Person ist viel zu jung, um Miss Marple sein zu können, der selbst im Romantext unterstellt wird, sie könnte fast 100 sein.

Tatsächlich macht Miss Marple nicht viel. Sie sitzt rum - und am Ende präsentiert sie aus dem Nichts heraus eine Erweiterung der Lösung.

Christie handelt ganz kurz einen Postzugraub ab, der sicher durch den Raub vom 08.08.1963 (Stichwort: Die Gentlemen bitten zur Kasse) inspiriert wurde.

Natürlich ist die Krimihandlung wichtig, aber im Hintergrund spielt sich ein Familiendrama ab, das Christie keinen Moment richtig in den Griff bekommt.

Bess Sedgwick ist Abenteurerin, die mehrfach verheiratet war. Sie hat aus einer lang zurückliegenden Beziehung eine Tochter, Elvira, um die sie sich nie gekümmert hat, wenn man davon absieht, daß sie aus der Ferne dafür gesorgt hat, daß die Tochter in sehr ordentlichen Verhältnissen aufwächst.

Im Hotel begegnen die beiden sich.

Und das ist für mich das ganz große Problem des Romans.

Sicher, Bess erkennt ihre Tochter auf Anhieb.

Aber: Elvira erkennt auch ihre Mutter. Warum? Mein Eindruck war eigentlich die ganze Zeit, daß die Treuhänder alles getan haben, um vor Elvira zu verbergen, wer ihre Mutter ist. Da Bess eine sehr öffentliche Person ist, wäre es sonst nicht plausibel, wenn die beiden ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt in diesem Hotel aufeinander treffen.

Nach dem Mord an dem Portier, stürzt sich Elvira in die Arme von Bess - und das war dann die Wiedervereinigung von Mutter und Tochter. Einfach so.

Auch an anderen Stellen habe ich das Gefühl, daß Christie nicht alles zu Papier gebracht hat. Mal ist es der vorher nie erwähnte Bart eines Mannes, mal der Bauch des als kräftig beschriebenen Chief Inspectors.

Christie hat einige Krimis geschrieben, die in und um Hotels herumspielen. Hier wollte sie das Hotel zur Hauptperson machen - und vergisst dabei, es mit richtigen Menschen zu besiedeln.

Man wird gut unterhalten, aber letztlich ist das eines der schwächeren Bücher der Autorin.


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Der Dienstagabend-Klub

The thirteen problems (1932)
Scherz (1965)

Agatha Christie: Fata Morgana
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Der deutsche Titel meint nicht Club Cumulus (obwohl sich dieser Club auch Dienstags traf).

Das Buch setzt sich aus 13 Kurzgeschichten zusammen, die wiederum deutlich erkennbar in drei Abschnitte zu unterteilen sind. Zunächst vertreibt sich eine kleine Gruppe Dienstags die Zeit damit, Kriminalfälle zu erzählen, dann wird diese Zeit der Abendbeschäftigung im Haus von Col. Bantry (den wir aus Mord im Pfarrhaus kennen, bzw. dem wir dort wiederbegegnen werden) fortgesetzt und schließlich geschieht in St. Mary Mead ein Mord, den Miss Marple aufklären kann.

Die Geschichten wurden vorher in Magazinen veröffentlicht.
  • Der Dienstagabend-Klub (The Tuesday Night Club - The Royal Magazine 350 - Dezember 1927)
  • Der Tempel der Astarte (The idol house of Astarte - The Royal Magazine 351 - Januar 1928)
  • Die verschwundenen Goldbarren (Ingots of gold - The Royal Magazine 352 - Februar 1928)
  • Der rote Badeanzug (The bloodstained pavement - The Royal Magazine 353 - März 1928)
  • Die überlistete Spiritistin (Motive versus opportunity - The Royal Magazine 354 - April 1928)
  • Der Daumenabdruck des heiligen Petrus (The thumb mark of St Peter - The Royal Magazine 355 - Mai 1928)
  • Die blaue Geranie (The blue geranium - The Story-Teller Magazine 272 - Dezember 1927)
  • Die Gesellschafterin (The companion - The Story-Teller Magazine 274 - Februar 1930 als The Resurrection of Amy Durrant)
  • Die vier Verdächtigen (The four suspects - The Story-Teller Magazine 276 - April 1930)
  • Die Weihnachtstragödie (A Christmas tragedy - - The Story-Teller Magazine 273 - Januar 1930 als The hat and the alibi)
  • Das Todeskraut (The herb of death - - The Story-Teller Magazine 275 - März 1930)
  • Die seltsame Angelegenheit mit dem Bungalow (The affair at the Bungalow - The Story-Teller Magazine 277 - Mai 1930)
  • Der Fall von St. Mary Mead (Death by drowning - Nash's Pall Mall Magazine 462 - November 1931)

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Fata Morgana

They do it with mirrors (1952)
Scherz (1965)

Agatha Christie: Fata Morgana
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Ruth van Rydock hat bei einem Besuch ihrer alten Jugendfreundin Carrie Louise den Eindruck gewonnen, daß diese sich in Gefahr befindet. Aus diesem Grund bittet sie die gemeinsame Freundin Miss Marple sich selbst einen Eindruck zu verschaffen.

Carrie Louise betreibt mit ihrem dritten Ehemann ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche.

Miss Marple ist ein willkommener Gast, kann aber den Mord an Christian Gulbrandsen, dem Bruder des ersten Mannes von Carrie Louise nicht verhindern.

Wenn man den Originaltitel im Hinterkopf hat, ist sofort klar, wie und von wem der Mord begangen wurde.

Die Erzählweise ändert sich nach dem Mord etwas. Vor dem Mord haben wir eine aktive Erzählerin, die auch mal einen Kommentar abliefert (So kam es, da sie [Miss Marple] die Amerikanerin Ruth am häufigsten gesehen hatte, während sie mir Carrie Louise, die in England lebte, seit über zwanzig Jahren nicht mehr zusammengekommen war. Das klingt seltsam, ist aber ganz natürlich. Denn wenn man in demselben Lande lebt, besteht ja keine Notwendigkeit, ein Zusammentreffen mit alten Freunden herbeizuführen. Man nimmt an, früher oder später würde man sich ohne vorherige Planung schon sehen.). Nach dem Mord zieht Christie sich zurück.

Ein Roman, der gute Unterhaltung liefert und sehr angenehm zu lesen ist.
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Karibische Affäre

A Caribbean Mystery (November 1964)
Scherz (1979)

Agatha Christie: Karibisch Affäre
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Miss Marple macht Ferien auf einer Insel in der Karibischen See. Sie begegnet Oberst Palgrave, der behauptet, das Foto eines Mörders zu besitzen. Kurz darauf ist er tot.

Ein hervorragend geschriebenes Buch, das von der ersten bis zur letzten Seite fesselt und fasziniert.

Christie beherrschte zu diesem Zeitpunkt ihr Handwerk aus dem FF. Da macht es überhaupt nichts, daß es sich um einen eigentlich recht einfachen Aufbau handelt. Immerhin spielt die Autorin mit unseren Erwartungen, verwendet Typen, die man ähnlich aus ihren anderen Romanen und lässt uns doch völlig vergessen, daß Palgrave ein Glasausge besaß.

Der Roman ist auch erstaunlich, weil Miss Marple hier aktiv ist. Sie schleicht strumpfsockig durch die Gegend, geht auf Leute zu, fragt sie aus. Diese Miss Marple ist sehr nahe an der Miss Marple, die uns uns Margaret Rutherford präsentierte.

Das Buch wurde recht gut mit Helen Hayes verfilmt und ist hervorragend in der Fassung mit Joan Hickson.

2013 hat es eine Neuverfilmung mit Julia McKenzie erlebt, die ich aber noch nicht gesehen habe (für gewöhnlich reichen diese modernen Verfilmungen nicht an die älteren heran).

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Mord im Pfarrhaus

Murder at the vicarage (1930)
Scherz (1966)/Scherz (1972)

Agatha Christie: Mord im Pfarrhaus Agatha Christie: Mord im Pfarrhaus
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Oberst Protheroe wird im Pfarrhaus von St. Mary Mead erschossen. Da er nicht gerade beliebt war, ist die Liste der Verdächtigen ziemlich lang. Aber Miss Marple lässt sich nicht beirren.
Der erste Roman um Miss Marple. Sie erscheint deutlich unsympathischer als in den späteren Romanen (hier schnüffelt sie mit dem Fernglas hinter Nachbarn her und tarnt das als Interesse an Ornithologie). Christie nahm die Figur erst 1942 wieder auf - dann wohl aufgrund der eigenen Alterung und Reifung doch etwas gewandelt. Die Miss Marple aus diesem Roman hätte niemand freiwillig zu sich ins Haus geholt, um einen Mord aufzuklären.

Meine beiden Ausgaben stammen zwar aus demselben Verlag, sind fast textidentisch, die von 1972 ist leicht gekürzt, unterscheiden sich aber im Satz. Die Ausgabe von 166 sieht in etwas so aus:

1. Kapitel

Es ist nicht leicht, sich darüber klar zu werden, wo diese Ge- schichte beginnen soll, aber ich habe mich für einen bestimmten Mittwoch entschieden, um die Mittagszeit im Pfarrhaus. Wenn auch die Unterhaltung mit unserem eigentlichen Gegenstand nichts zu tun hatte, so fielen doch in ihr ein oder zwei Hinweise, die von Einfluss auf spätere Entwicklungen waren.


Pro Seite werden 45 Zeilen verwendet.

1972 hat man etwas anders gesetzt.:

1

Es ist nicht leicht, sich darüber klar zu werden, wo diese Geschichte beginnen soll, aber ich habe mich für einen bestimmten Mittwoch entschieden, um die Mittagszeit im Pfarrhaus.


Der Rest des Abschnitts fehlt hier. Je Seite werden 41 Zeilen benutzt. Kleinere Schrift, weniger Zeilen (was größere Abstände zwischen den Zeilen und damit ein etwas angenehmeres Satzbild zur Folge hat), 18 Seiten weniger Umfang.
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Mord im Spiegel

The mirror crack'd from side to side (1962)
Bertelsmann (?)

Agatha Christie: Mord im Spiegel
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Bei einem Empfang fällt Heather Badcock tot um. In ihrem Cocktail wird Gift gefunden. War sie das beabsichtigte Opfer? Oder sollte der gefeierte Star Marina Gregg ermordet werden?

Das Buch wurde mit Angela Lansbury, Rock Hudson und Elisabeth Taylor verfilmt, aus dem Opfer wurde dort Heather Babcock, vielleicht war der ursprüngliche Name für einen Film doch zu anstößig.

Inzwischen weiß man, daß Christie sich am Schicksal von Gene Tierney, einer heute so gut wie vergessenen Schauspielerin orientierte. Lange Zeit hält das Buch ein beachtliches Niveau, erzählerisch wie spannungsmäßig, aber mußte am Schluss wirklich noch der erste Ehemann von Marina Gregg entdeckt werden? Das hat keinen wirklichen Sinn, lenkt zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal vom ursprünglichen Mord ab.

Warum finden der zweite und der dritte Mord statt? Man kann vermuten, daß die Opfer als Erpresser tätig waren, aber aufgeklärt wird das nicht.

So bleibt am Ende ein etwas schales Gefühl.

Der Mord findet im selben Haus statt, in dem die Tote in der Bibliothek gefunden wurde.

Der Film unterschlägt den dritten Mord, unterschlägt die Adoptivtochter und den ersten Ehemann - dadurch wird er etwas runder, auch wenn er deutlich von der literarischen Vorlage abweicht. Jason Rudd ist laut Buch ein hässlicher Mann, der an einen traurigen Clown erinnert. Nicht gerade die Beschreibung, die mir zu Rock Hudson einfallen würde. Die Figuren von Kim Novak und Tony Curtis tauchen im Buch zwar kurz auf, sind im Film jedoch (wohl um die Gage zu rechtfertigen) deutlich breiter angelegt.

In den BBC-Verfilmungen mit Joan Hickson als Miss Marple wird Dolly Bantry tatsächlich von derselben Darstellerin (Gwen Watford) verkörpert, obwohl zwischen den beiden TV-Filmen 8 Jahre verstrichen sind. Das nenn ich Sorgfalt in der Besetzung.
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Ein Mord wird angekündigt

A murder is announced (1950)
Scherz (1978)

Agatha Christie: Ein Mord wird angekuendigt
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Eine Zeitungsanzeige kündigt einen Mord an. Ein Spiel. Natürlich. Aber ein Spiel, aus dem tödlicher Ernst wird.

Ein ganz hervorragender Miss Marple-Roman, obwohl die alte Dame erst nach einem Drittel des Romans auftaucht - ohne daß man sie vermisst hätte. Christie schafft Figuren, die man sich merkt, die im Rahmen des bei ihr Üblichen bleiben und doch Dimensionen haben können, die beim ersten Lesen vielleicht übersehen werden. Ich glaube nicht, daß Christie Miss Hinchcliff und Miss Murgatroyd als Lesben sah, aber man braucht nicht viel Phantasie nachvollziehen zu können, warum das in den Verfilmungen des Buchs unterstellt wurde.

Von der ersten bis zur letzten Seite, ein Buch das Spaß macht und gut unterhält.
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The moving finger / Die Schattenhand

The moving finger (1942)
Fontana (1977) / Goldmann (?)

Agatha Christie: The moving finger Agatha Christie: Die Schattenhand
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Etliche Bewohner der Kleinstadt Lymstock erhalten anonyme Briefe mit wüsten Beschuldigungen - auch das neu hinzugezogene Geschwisterpaar Burton. Niemand scheint das wirklich ernst zu nehmen, bis die Frau des Rechtsanwalts Symmington tot aufgefunden wurde - offensichtlich Selbstmord. Aber dann wird eine Woche später ihr Hausmädchen erstochen aufgefunden. Jerry Burton findet sich plötzlich in einer Morduntersuchung wieder.

Eine raffinierte Geschichte, mit lockerer Hand geschrieben, spannend - auch wenn zunächst nicht viel passiert (was Christie dadurch tarnt, daß sie immer wieder darauf hinweist, daß bald etwas geschehen wird).

Völlig überflüssigerweise wird kurz vor Schluss Jane Marple hinzugezogen, die natürlich sofort alles durchschaut und durch einen Hinweis an die Polizei die Lösung herbeiführt.

An dieser Stelle hat man das Gefühl, daß Christie sich in eine Ecke geschrieben hatte, aus der sie glaubte, nicht mehr herauszukommen. Die Geschichte wäre nicht schlechter, wenn Oberinspektor Nash sie aufgelöst hätte - oder wenn Jerry Burton selbst die Erleuchtung gekommen wäre.

Ich war bei der wiederholten Lektüre (2009) erstaunt, wie sehr der Tonfall des Ich-Erzählers meiner eigenen Suzette Byrne manchmal ähnelt. Es wird angedeutet, es wird kommentiert, als würde sich der Erzähler mit dem Leser unterhalten - und letztlich doch nichts verraten.

Vergleichen wir das Original mit der Übersetzung. Der Übersetzer wird in der Goldmannausgabe leider nicht genannt. Zuerst der Beginn:

Agatha Christie Übersetzung
When at last I was taken out of the plaster, and the doctors had pulled me about to their hearts' content, and nurses had wheedled me into cautiously using my limbs, and I had been nauseated by their practically using baby talk to me, Marcus Kent told me I was to go and live in the country. Endlich nahm man mich aus dem Gips heraus, die Ärzte zerrten mich nach Herzenslust hin und her, die Krankenschwestern forderten mich zum vorsichtigen Gebrauch meiner Glieder auf und schwatzten in neckischer Kindersprache auf mich ein, bis mir ganz übel wurde. Zuletzt erklärte Marcus Kent, ich müsse mich irgendwo draußen auf dem Lande niederlassen.


Auf den ersten Blick fällt auf, daß Christies Bandwurmsatz in der Übersetzung aufgeteilt wurde. Hinzu kommt, daß Christie den Anfang passiv schildert, als etwas, das Jerry Burton über sich ergehen lassen muß, während der Übersetzer das ganze sehr viel aktiver gestaltet. Bei Christie steht Burton im Mittelpunkt, in der Übersetzung alle anderen.

Das Ende des Romans:

Agatha Christie Übersetzung
'That,' I said, 'is Joanna's little joke.' "Das ist", entgegnete ich, "einer von Joannas kleinen Scherzen.".


Auf den ersten Blick passt das, bei genauerem Hinsehen bemerkt man vielleicht, daß Christie von einem kleinen Witz spricht, während der Übersetzer von einem von vielen kleinen Scherzen spricht.
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A pocket full of rye

A pocket full of rye (1953)
Pocket (1973)

Agatha Christie: A pocket full of rye
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Auf der Rückseite wird ungefähr folgende Inhaltsangabe gemacht: Die Frau des Ermordeten war eine Schönheit, der es nie an Männern mangelte. Warum hatte Jane Marple nur den Eindruck, daß die Witwe lachte.


Nicht gerade viel, was ich vor ca. 18 Jahren zu dem Roman geschrieben habe.

Im Moment (2019) lese ich den Roman wieder und habe das Gefühl ihn weder gelesen noch als TV-Film gesehen zu haben. Stimmt natürlich beides nicht.

Schon die Inhaltsangabe ist nicht korrekt. Es handelt sich um einen Roman, in welchem die Hauptperson (also Miss Marple) erst zur Hälfte der Handlung die Bühne betritt - und zu dem Zeitpunkt ist die Witwe des ersten Opfers auch schon tot. Miss Marple hat sie also nie lebend gesehen - und damit auch nicht lachend.


Ganz langsam. Es beginnt damit, daß der alte Rex Fortescue Tee trinkt - und gleich danach tot umfällt.

Es stellt sich schnell heraus, daß er vergiftet wurde - mit Taxin, dem Gift der Eibe (englisch: Yew Tree).

Fortescue lebte mit dem Großteil seiner Familie auf Yewtree Lodge. Das sind:

  • einer seiner Söhne (mit Frau)
  • seine Tochter (deren Verlobter von Rex Fortescue vor kurzem verjagt worden war)
  • seiner Frau (die ziemlich jung und attraktiv ist - und bereits einen Liebhaber hat)
  • mehreren Hausangestellten

Außerdem gibt es noch einen weiteren (verstoßenen) Sohn, dessen Rückkehr von Rex Fortescue erwartet wurde (auch dieser Sohn ist verheiratet) und zwei Frauen im Büro von Fortescue.


Fortescue? Da war doch was, nicht wahr? Ja, natürlich: "Lord und Lady Hesketh-Fortescue" von Loriot und Evelyn Hamann. Ein Klassiker.


Aber auch Christie ist nicht unkomisch. Die Hausangestellten Mary Dove (Taube) und Crumb (Krümmel) zu nennen, finde ich sehr spaßig.


Manche von Christies Romanen neigen dazu, am Anfang unübersichtlich zu sein. Dieser nicht. Es hilft natürlich, daß dieser Ausgabe ein Personenregister voran gestellt ist, aber Christie führt die Personen so gut ein, daß man nicht durcheinander gerät.

Als Miss Marple endlich auftritt, hätte man Inspektor Neele die Lösung des Falls auch selbst zugetraut.


Achtung: Ich spekuliere wieder einmal!

Das Taxin wirkt zeitverzögert. Der Sohn des Opfers war am Mordtag nicht vor Ort, hätte die Marmelade aber vorher vergiften können. Aber das ist zu offensichtlich.

Hinzu kommen noch zwei Kinder eines von Fortescue wahrscheinlich ermordeten Geschäftspartners, deren Existenz angedeutet, im Rahmen der Handlung aber noch nicht bestätigt wurde. Mich würde nicht wundern, wenn die Hausangestellte Mary Dove die Tochter des Geschäftspartners wäre - und sich für den Tod des Vaters und den dadurch verursachten Irrsinn der Mutter rächen wollte.


Was hat es mit der Tasche voller Reis auf sich? Hier geht es um ein Kindergedicht (Mother Goose, 2. Vers von Sing a Song of Sixpence, wahrscheinlich aus dem 18. Jahrhundert stammend), das im Rahmen der Handlung auch zitiert wird - und nicht nur den Titel sondern auch die Vorlage für die Morde liefert.


Es handelt sich um den 6. Roman um Miss Marple, und den 45. Kriminalroman von Christie. Er erschien zunächst in Fortsetzungen im Daily Express und einen Monat später (im November 1953) als Buch.


Wird fortgesetzt ...

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Das Schicksal in Person

Nemesis (November 1971)
Scherz (1978)

Agatha Christie: Das Schicksal in Person
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Posthum lädt ein verstorbener Bekannter Miss Marple zu einer Busreise durch England ein. Was als Vergnügungsfahrt beginnt, wird bald zur Mörderjagd.

Der Bekannte ist Mr. Rafiel aus A Caribbean Mystery / Karibische Affäre. Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um den letzten von Christie geschriebenen Miss Marple Roman (nicht den letzten der erschienen ist).

Die Figur der Miss Marple hat sich seit ihrem ersten Auftreten verändert. Die Beschreibung, die hier von ihr abgeliefert wird, entspricht sehr viel mehr Margaret Rutherford als die in anderen Romanen.


Leider muß man sagen, daß dieses Buch nicht zu den besten von Christie gehört.

Zum einen gibt es handwerkliche Schwächen (die drei Schwestern werden - meist - als Clotilde, Anthea und Mrs. Glynne bezeichnet. Aber gerade gegen Schluss wechselt die Erzählerin plötzich zu Lavinia (Mrs. Glynne) und dem unbestimmten Bradbury-Scott (womit die anderen beiden Schwestern gemeint sein können). Das man keine Personenübersicht geliefert bekommt, erschwert das die Lektüre.

Aber das ist eine Kleinigkeit verglichen mit dem großen Problem des Romans:

Rafiel organisiert eine Reise, die Miss Marple nach seinem Tod unternehmen soll. Die drei Schwestern wissen von der Reise und sprechen Miss Marple bei einem Aufenthalt in der Nähe des Herrenhauses an.

An der Reise nimmt eine Schulleiterin teil, die für die Geschichte wichtig ist. Außerdem ist da Professor Wanstedt, der Rafiels Sohn psychatrisch untersucht hat und von seiner Unschuld an einem ihm vorgeworfenen Verbrechen überzeugt ist.

Haben Sie es bemerkt? Marple soll die Reise nach Rafiels Tod unternehmen. Auch wenn er wußte, daß er sterbenskrank war, hat Rafiel doch bereits zum Zeitpunkt des vorherigen Romans länger gelegt, als die Ärzte ihm zugetraut haben. Trotzdem konnte er veranlassen, daß alle für die Handlung wichtigen Personen während einer Reise aufeinandertreffen, die ausdrücklich nach seinem Tod durchgeführt werden sollte.

Dieser Grundfehler belastet den Roman von Anfang bis Ende.


Ja, der Fall ist spannend, die Figuren sind gut gezeichnet. Ich hatte mich bei der erneuten Lektüre weder an die näheren Umstände noch an die Personen erinnert. Trotzdem lag vieles auf der Hand, aber das kann natürlich damit zusammenhängen, daß ich das Buch zum wiederholten Mal gelesen habe und auch wenigstens eine der Verfilmungen gesehen habe. Vielleicht erinnert man sich doch an mehr, als einem bewußt ist.

Der deutsche Titel ist für mich nicht nachvollziehbar. Lt. Wikipedia ist Nemesis die Göttin des "gerechten Zorns", ich kenne den Begriff meist als "Gegenspieler". Das passt zur Rolle Marples in diesem Buch. Marple ist nicht das Schicksal. Die Vorgeschichte kann man als schicksalshafte Verstrickung angesehen. Vielleicht, mit viel Phantasie könnte man die Suche nach der Wahrheit, die Verity Hunt (so heißt auch die ermordete junge Frau) als Schicksal bezeichnen - aber das braucht wirklich viiiiiel Phantasie. Nun, wir werden wohl nie erfahren, was man sich bei Scherz damals dachte. Zumindest erfüllt der deutsche Titel seinen Zweck: Er lenkt die Aufmerksamkeit auf das Buch und prägt sich ein.


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4.50 from Paddington/16 Uhr 50 ab Paddington

4.50 from Paddington/What Mrs. Gillicuddy saw (1957)
Fontana (1970)/Scherz (1980)

Agatha Christie: 16 Uhr 50 am Paddington
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Agatha Christie: 4.50 from Paddington
Der große Klassiker unter den Miss Marple Romanen. Dank der Verfilmung mit Margaret Rutherford wohl das bekannteste Buch mit Miss Marple (weniger bekannt, aber sehr viel näher am Original: die Verfilmung mit Joan Hickson, die im Rutherford-Film die übellaunige Köchin spielt). Der Inhalt ist schnell erzählt: Elspeth McGillicuddy beobachtet einen Mord. Miss Marple ermittelt, wo die Leiche aus dem Zug geworfen worden sein könnte und schickt die Haushälterin Lucy Eyelesbarrow zu Ermittlung in ein nahegelegenes Herrenhaus.

Merkwürdigerweise heißt das Herrenhaus Rutherford Hall. Ob deshalb die Produzenten auf die Idee kamen Margaret Rutherford zu engagieren, die überhaupt keine Ähnlichkeit mit der Romanfigur hat?

Im Roman spielen McGillicuddy und Eyelesbarrow sehr viel größere Rollen als Miss Marple, im Film wurden sie alle in einer Figur zusammengeführt (was am Schluss einen Spiegel notwendig machte, wo es im Roman reicht, daß Mrs. McGillicuddy in den Raum kommt).

Christies Romane leiden meist unter langatmigen Einleitungen. Nicht hier. Die Erzählung beginnt im Plauderton, der auch recht lange durchgehalten wird. Bereits auf Seite 2 erfolgt der Mord, der alles in Gang setzt.

Auf Seite 1 heißt es "Zug auf Bahnsteig 3", teilte eine Stimme mit, "Abfahrt 16.50 nach Brackhampton, Milchester, Waverton, Carvil Junction, Roxeter und Chadmouth"

In den Büchern ist Miss Marple in St. Mary Mead zu Hause, in den Rutherford-Filmen in Milchester. Das wird wohl auf diese Zeile zurückzuführen sein.

Ein angenehm zu lesendes Buch, spannend von vorne bis hinten. Ein Buch, in dem die Autorin den Leser nicht an die Hand nimmt, in dem keine falschen Spuren ausgelegt werden. Man rätselt, was denn nun eigentlich geschehen ist (wenn man zu den drei oder vier Menschen gehört, die keine der Verfilmungen kennen), hat aber doch so gut wie keine Chance, weil das eigentliche Motiv (die gewünschte Vermählung mit Emma Crackenthorpe) kaum als Möglichkeit angesprochen wird.

Inspector Craddock wird hier als Neffe von Sir Henry Clithering eingeführt. In den Filmen wurde er zum Dauerpartner von Miss Marple, in den Büchern bleibt das sein einziger Auftritt.

Ein verdienter Klassiker.
Agatha Christie Übersetzung
Mrs. McGillicuddy panted along the platform in the wake of the porter carrying her suitcase. Mrs. McGillicuddy was short and stout, the porter was tall and free-striding. In addition, Mrs. McGillicuddy was burdenend with a large quantity of parcels; the result of a day's Christmas shopping. The race was, therefore, an uneven one, and the porter turned the corner at the end of the platform whilst Mrs. McGillicuddy was still coming up the straight. Mrs. McGillicuddy keuchte hinter dem Gepäckträger her, der ihren Koffer trug. Sie war klein und etwas beleibt, der Gepäckträger aber groß, und er machte entsprechend große Schritte. Außerdem war Mrs. McGillicuddy mit zahlreichen Paketen beladen - dem Ergebnis der Weihnachtseinkäufe des Tages. Es war daher ein ungleiches Wettläuferpaar, und als der Gepäckträger am Anfang des Bahnsteigs um die Ecke bog, keuchte Mrs. McGillicuddy noch die Gerade hinunter.


Vier Sätze. Und dem Übersetzer gelingt es durch eine kleine Unachtsamkeit, den Sprachfluss Christies zu unterlaufen. Der erste Satz beginnt bei Christie (und beim Übersetzer) mit "Mrs. McGillicuddy", beim zweiten ersetzt der Übersetzer den Namen durch "Sie". Im vierten Satz betrachtet Christie das Rennen und seinen Ausgang, während der Übersetzer auf die Menschen abhebt und sogar noch einmal auf das Keuchen von Mrs. Gillicuddy abhebt, während Christie das nicht mehr für nötig hält.

Man kann der Erzählung folgen, aber die Übersetzung beginnt bereits ungenau und nimmt viel des hämmernden Erzählrhythmuses der Erzählung. Sagen Sie mehrmals nacheinander "McGillicuddy" - das hört sich doch bereits nach dem Rattern und Rumpeln der später so wichtig werdenden Eisenbahn an. Christie unterstreicht damit die Tatsache, daß man sich auf einem Bahnhof befindet (was durch "platform" klar gemacht wird), während der Übersetzer nur von einem Gepäckträger redet - und der könnte z.B. auch an einem Flughafen anzutreffen sein. In der Übersetzung brauchen wir etwas länger (bis zum vierten Satz) um uns über den Ort der Handlung klar zu werden.
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Die Tote in der Bibliothek

The body in the library (1942)
Scherz (1977) / Hachette (2008)

Agatha Christie: Die Tote in der Bibliothek
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Agatha Christie: Die Tote in der Bibliothek
In der Bibliothek von Oberst Bantry wird ein totes Mädchen gefunden. Miss Marple wird von Ihrer Freundin, Mrs. Bantry, gebeten, den Fall zu untersuchen und erkennt recht schnell, wer den Mord begangen hat - ist aber noch auf der Suche nach dem alles verbindenden Motiv.
Ein eher einfach aufgebauter Roman, der schon das Gefühl vermittelt, daß man besser nicht in St. Mary Mead wohnen sollte. Der zweite Roman um Jane Marple.
Der Originaltext liegt mir leider nicht vor. Allerdings zeigen die klassische sowie die Neuübersetzung, beide für Scherz, signifikante Unterschiede.

Bei Scherz fehlen Vorwort und Widmung.

Palk ist bei Scherz "Polizeikommissär" und "Konstabler", bei Hachette (was ja eine Scherz-Neuübersetzung durch Barbara Heller ist) "Constable".

In der Scherzausgabe fallen merkwürdige Formatierungen auf:

Eifrig entgegnete Josie:
"Oh, das war nicht ich, das war Mr. Jefferson --"


D.h. nach einem Doppelpunkt wird mit einem neuen Absatz begonnen, wobei zu bemerken ist, daß neue Absätze grundsätzlich nicht eingerückt werden, was mitunter zur Verwirrung führt, da Sprecherwechsel nicht erkennbar sind. Man verschenkt Platz, den man an anderer Stelle wieder einspart, in dem kurze Dialoge keinen eigenen Absatz bekommen.

Der Satzspiegel ist wichtiger, als dem Leser meist bewußt ist.

In der Neuübersetzung heißt es übrigens:

"Aber das hab ich gar nicht", erklärte Jose bereitwillig. "Mr. Jefferson hat die Polizei verständigt."

Viel Ähnlichkeit ist da nicht vorhanden. Man fragt sich, was eher dem Original entspricht.

Bei Scherz werden nur die Kapitel nummeriert, bei Hachette sogar die Unterabschnitte. Was hat Christie vorgegeben?

Der Beginn des Romans:

Scherz Hachette
Mrs. Bantry träumte. Ihre Wicken hatten eben an einer Blumenausstellung den ersten Preis gewonnen. In Stola und Soutane gekleidet verteilte der Pfarrer die Preise in der Kirche. Mrs. Bantry träumte. Ihre Gartenwicken hatten bei der Blumenschau den ersten Preis gewonnen. Der Pfarrer, in vollem Ornat, verteilte die Preise in der Kirche.


Das Ende des Romans:

Scherz Hachette
Und Raymond kehrte in den Tanzsaal zurück. Und er ging in den Ballsaal zurück.


Die Unterschiede sind frappierend.
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