"Mir ist schlecht!"
"Nimm dich zusammen! Es gibt kein Zurück mehr!"
"Vielleicht haltet ihr zwei endlich mal die Schnauze! Ein falscher Schritt und wir fliegen da runter."
Joe, Tex und Barry hatten Pech gehabt. Sie hatten sich für einen Weg entschieden, der sich sehr schnell verengt hatte. Und das war nun davon übrig geblieben: Ein Weg, der kaum fünfzig Zentimeter breit war.
Vielleicht war es auch gar kein Weg sondern nur ein Abbruch. Es war durchaus möglich, daß sie nirgendwohin gelangten. Aber sie konnten nicht mehr zurück.
Für Joe war das besonders schlimm, denn er war nicht schwindelfrei. Am liebsten wäre er auf der Stelle stehengeblieben, aber das hätte ihm doch auch nicht geholfen. Also mußte er weiter.
"Barry!" rief Tex und wies in eine Richtung.
Um einen Berg herum kam ein Hubschrauber.
"Verdammte Scheiße!" Barry schoß. Aber er traf nicht. Der Hubschrauber bewegte sich zu schnell. Die wenigen Streifschüsse machen dem Hubschrauber und seiner dreiköpfigen Besatzung nichts aus.
"Weiter!" befahl er den beiden anderen.
"Aber..."
"Was?!!"
"Nichts."
"Wir können gar nicht warten. Die hauen nicht mehr ab. Aber solange wir hier an der Wand sind, kommen sie auch nicht an uns heran. Vielleicht sind uns aber von unten schon andere zu Fuß auf den Fersen."
Das half. Alle drei gingen weiter. Der Hubschrauber verschwand, kam aber gleich darauf wieder, verschwand erneut und kam zurück. Die Besatzung wollte nicht zulange und zu dicht bei den drei Verbrechern bleiben.
"Wenn ich Tingwell erwische, dann...", schwor Tex düster.
"Halt endlich die Klappe!" brüllte Barry und feuerte wieder auf den Hubschrauber. Erneut ein Streifschuß. Er prallte ab, wie Wasser von einer Fensterscheibe.
Peter Tingwell war an allem schuld. Schön, sie waren alle drei keine Engel, hatten schon einiges auf dem Kerbholz, auch Morde, aber noch nie waren sie in einer Situation wie dieser. Bisher war alles heimlich, still und leise verlaufen. Kein Opfer hatte sich gewehrt. Jetzt waren sie die Opfer, jetzt fühlten sie die Angst und Beklemmung, die ihre Opfer immer erfaßt hatte, wenn sie erkannt hatten, daß es dem Ende zuging. Daran war nur Tingwell schuld.
Eine Schnapsidee war das gewesen, in den Wald zu fahren.
"Was jetzt?" hatte Joe Tingwell gefragt. "Stillhalten?"
"Nein, die müssen irgend etwas vermuten."
"Wahrscheinlich hatten die ein Funkgerät im Auto." Anders war das schnelle Auftauchen der Hubschrauber nicht zu erklären.
"Wir müssen versuchen hier wegzukommen."
"Dann schnell ins Auto!"
"Schwachkopf!" hatte Peter Tingwell Joe angeschrien. "Dann haben sie uns ja gleich. Wenn wir überhaupt noch eine Chance haben, dann zu Fuß Wir sind nicht weit von der Waldgrenze entfernt. In dem unwegsamen Gelände müßten wir irgendwo ein Versteck finden."
Sie hatten sich auf den Weg gemacht, weg von dem Lärm der Hubschrauber, die anscheinend mehr in Richtung Straße orientiert waren.
"Können die nicht endlich abhauen!" Joe lehnte sich gegen die Wand, versuchte, nicht in den Abgrund hinunter zu schauen, nahm seine Pistole und feuerte auf den Hubschrauber, als dieser wieder näher kam. Doch seine Hände zitterten. Er traf nicht. Und dann war die Pistole leer.
Wütend warf er sie in den Abgrund hinunter und machte sich daran, seinen Schicksalsgefährten zu folgen. Die Flucht ging weiter.
Weiter.
Immer weiter.
Die Hände schmerzen.
Die Füße tun weh.
Der Atem rasselt.
Hinlegen! Hinlegen!
Dieser Gedanke beherrschte Charles Tingwell.
Schon wieder das Knie. Dieses dumme Geröll. Ständig rollte ein Stein unter seinen Schritten den Abhang hinunter.
Er rappelte sich wieder auf, ging weiter, spürte den ersten Schnee unter seinen Füßen.
Und das mit diesen verdammten Sommerhalbschuhen, die ihn weder gegen Schnee noch Kälte schützten.
Weiter.
Jetzt war er schon so weit! Die Hubschrauber hatten ihn irgendwann aus den Augen verloren. Er durfte jetzt nicht stehen bleiben, das hätte bedeutet, ihnen eine neue Chance zu geben. Jeder Schritt war ein Schritt mehr in die Sicherheit. Heraus aus diesem Gebiet, in dem sie ihn suchten.
Zwei oder drei Stunden noch, vielleicht war er dann bei Menschen, die ihn unwissentlich schützen konnten, Menschen, durch deren Hilfe er überleben konnte.
Hoffnung.
Der Schnee war kalt.
Weiter.
Die Füße sanken ein.
Nicht schlappmachen.
Keine Ruhepause.
Weiter.
Diese Holzbrücke. Sie hatten die Brücke erreicht .
"Na, seht ihr, die haben wir abgehängt. Woher sollten die auch wissen, daß wir uns auf einen solchen Wahnsinn einlassen?" hatte Peter die anderen beruhigt.
Die Brücke war eigentlich nur ein Steg, der einen Schmelzkanal überbrückte.
"Die sieht nicht sehr vertrauenerweckend aus." Damit hatte Joe recht gehabt. "Vielleicht sollten wir umkehren. Wir haben die Typen doch abgehängt. Und wenn wir auf einem anderen Weg zurückgehen, bleibt das doch so."
"Nein, wir gehen weiter. Ist euch Idioten denn nicht klar, daß die die ganze Gegend durchkämmen werden? Wir haben gar keine Möglichkeit.
Wir müssen uns immer weiter von unserem Ausgangspunkt entfernen. Jetzt geht einer nach dem anderen über die Brücke." Also war auch er der Meinung, daß sie baufällig aussah.
Er selbst hatte den Anfang gemacht, dann waren die drei angeheuerten Verbrecher über die Brücke gegangen, den Abschluß sollte Charles Tingwell bilden.
Er hatte eben einen Fuß auf die Brücke gesetzt, da schoß ein Hubschrauber hinter einem Berg hervor.
"Scheiße! Sie haben uns gefunden!" Peter begann zu rennen, die drei auf seiner Seite folgten. Charles Tingwell wich zurück. Er traute sich nicht, nur noch einen Schritt weiter zu gehen.
Völlig zu recht.
Durch die Vibrationen, die der Lärm des Hubschraubers ausgelöst hatte, geriet das Gestein in der Schmelzkuhle in Bewegung. Ein Steinchen riß ein anderes mit, dieses einen Stein, dieser einen anderen, dieser einen Fels.
Unter lautem Getöse und viel Staub kam eine Lawine herunter, riß die Holzbrücke mit sich und machte es der Hubschrauberbesatzung unmöglich, etwas zu sehen.
Charles Tingwell war allein. Er wußte nicht, was aus seinem Sohn und den anderen geworden war.
Der Schnee wurde immer tiefer.
Er sank schon bis zu den Knien ein. Und trotzdem mußte er weiter. Er fror entsetzlich, seine Kleidung war für die warmen Täler gedacht gewesen, nicht für die kalten Berggipfel.
Seine Finger waren schon ganz steif.
Und alles wurde gefährlicher.
Es war schon geschehen, daß er keinen Halt unter den Füßen spürte, nachdem er einen neuen Schritt gemacht hatte. Das Gefühl dabei war schrecklich. Ständig hatte er Angst vollständig einzusinken und dann nicht mehr herauszukommen. Oder auf eine Stelle zu treffen, wo der Schnee eine Felsspalte verdeckte.
Nein! Nein!
Nicht dieses Geräusch!
Er wandte sich um.
Da war er wieder. Sie hatten ihn gefunden. Sie flogen dicht über ihn hinweg.
Er glitt aus, rutschte, konnte die Abwärtsbewegung stoppen, kroch auf allen Vieren weiter.
Der Hubschrauber drehte ab.
Tingwell kam wieder auf die Beine, rannte so schnell er konnte, so schnell es der Schnee zuließ.
Der Hubschrauber kam auf ihn zugeflogen.
Er ließ sich in den Schnee fallen.
Der Hubschrauber wurde nach oben gezogen und verschwand für kurze Zeit hinter dem Berggipfel.
Charles Tingwell rappelte sich wieder auf.
Er stolperte weiter.
"Nein!"
Seine Stimme klang ganz fremd, als er sie nun zum ersten Mal seit Stunden hörte.
Eis!
Der Schnee knirschte schon seit einiger Zeit immer lauter. Und jetzt hörte er auf. Eis! Eis!
Aber er konnte nicht mehr zurück. Er mußte weiter. Er mußte über den Gipfel. Der Gipfel war das Ziel, das ihn vielleicht von den Nachstellungen seiner Feinde befreite.
Er kam langsamer vorwärts, mußte sich festkrallen. Seine Finger waren klamm.
Der Lärm.
Er drehte sich um.
Sie kamen wieder.
Rückwärts kroch er weiter und plötzlich verlor er den Halt. Er hatte das Gefühl in den Händen verloren.
Seine Füße konnten ihn nicht allein festhalten. Er begann zu rutschen. Aber nicht auf den Schnee zu, sondern auf einen Abhang zu.
"Nein!" Er versuchte sich festzuhalten, aber das Eis war zu glatt.
Der Hubschrauber stand über ihm in der Luft.
"Nein." Das Eis war spiegelglatt, nirgends eine Unebenheit, nichts woran er sich hätte festhalten können.
Der Abhang kam immer näher.
Charles Tingwells Geschwindigkeit wurde immer größer.
"Nein! Noooooooooooooooooooo..."