Joe fragte sich, wie lange der Weg sich wohl noch fortsetzen würde.
Es war schrecklich genug zu wissen, daß der Weg zurück unter Garantie von irgendjemandem blockiert wurde.
Es ging nur vorwärts.
Und auch das immer beschwerlicher. Zeitweise war der Weg gar nicht vorhanden, dann war er nur noch zehn Zentimeter breit, fast zu schmal um darauf noch zu stehen. dann hing man mehr am Fels und hatte noch mehr Angst als zuvor.
Peter Tingwell hatte Glück gehabt, der hatte sich einfach abgesetzt, als sie vor langer, langer Zeit an einer Weggabelung angelangt waren.
damals waren sie noch alleine gewesen.
Jetzt wich der Hubschrauber nicht mehr von ihrer Seite.
"Aber irgendwann muß dem doch das Benzin ausgehen!" Tex hatte seine Pistole schon längst leergeschossen.
Nur Barry hatte noch etwas Munition, die er noch verschießen konnte. Jeder Mensch hat einen Punkt, an dem er zerbricht, an dem er dem Streß nicht mehr gewachsen ist.
Barry preßte sich auf einem 25 Zentimeter breiten Weg gegen die Felswand und zielte auf den Hubschrauber.
Drei Menschen saßen darin. Eine Frau, zwei Männer.
"Das ist Superman! Ich erkenn das Gesicht."
"Hör auf!" brüllte Barry Tex an. "Mach uns nicht auch noch verrückt."
Barry schoß. Der Hubschrauber zog sich zurück, kam aber gleich wieder. Barry schoß wieder.
"Wo hast du so gut gelernt, mit den Dingern umzugehen?" fragte Ben Storm seinen Freund Charles Sekowsky, der den Hubschrauber flog.
"Ein Lastwagen unterscheidet sich gar nicht soviel von den Dingern". Alle drei lachten.
"Irgendwann werden denen ja die Kugeln ausgehen." Dieser Meinung war Capucine Arletti-Sekowsky, die Frau von Charles.
Barry schoß! Und schoß!
Und...
Klick!
Klick!
Leer!
"Scheiße!"
Der Hubschrauber war dicht an der Felswand. Die Spitzen der Rotoren waren nur einen Meter von den Felsen entfernt.
Barry warf in verzweifelter Wut seine Pistole nach dem Hubschrauber.
Er traf!
Er traf das Zentrum der beweglichen Rotorblätter, dort wo sie mit der senkrechten, zum Motor führenden Achse verbunden waren. Dort war der Helikopter am verwundbarsten. Dort waren die Gelenke angebracht, die die Rotorblätter in einem vorbestimmten Rhythmus auf und nieder bewegten.
Die Pistole zerstörte ein Gelenk, der Rotor verlor seinen Halt, brach, dadurch war die Maschine nicht mehr zu halten, sie flog auf den Fels zu.
Einige Kilometer entfernt hielt ein kleines Mädchen den Explosionsblitz für das letzte Aufflackern eines Meteoriten und wünschte sich ein langes, glückliches Leben.
Eine Weide.
Eine richtig saftig grüne Weide.
Wie in der Werbung.
Drumherum Berge.
Ein richtiges Idyll.
Ein Mann rennt über die Weide. Er rennt und rennt und rennt.
Er hat Angst.
Immer wieder schaut er sich um.
Von vorn taucht plötzlich ein Hubschrauber auf.
Der Mann schreckt zusammen, rennt nach rechts. Der Hubschrauber bleibt wo er war.
Das Herz schlägt wie ein Dampfhammer.
Entkommen! Entkommen!
Ein anderer Hubschrauber kommt ihm von vorne entgegen.
Richtungswechsel. Auch dieser Hubschrauber bleibt in der Luft stehen,
verfolgt ihn nicht.
Sie wollen ihn fertigmachen! Sie wollen ihn gar nicht fangen, sie wollen ihn erst einmal fertigmachen. Er soll aufgeben. Aber er will nicht aufgeben!
Schon wieder ein Hubschrauber.
Noch einmal ein Richtungswechsel.
Ein vierter Hubschrauber.
Der Mann, Peter Tingwell, bleibt stehen.
Gefangen!
Er atmete heftig.
Es war vorbei.
Die Hubschrauber landen.
Was würde als nächstes geschehen?
Sie stiegen aus und verteilten sich in einem großflächigen Kreis um Peter Tingwell herum.
Sie. Ralf, der Schriftsteller, Gertrude, Karin, Sonja, Hartwig, Peter Sillie, Helmut, Marias Vater, Eva, seine Frau, Edgar, Carola, aus England, Perry, ihr Mann, John Hardt, Sabine, seine Frau, Hans, Reinhard, Anke, Cornelius und Suleika.
Peter Tingwell war allein. Er wußte es. Er hatte verloren. Auch das wußte er.
"Kommt her! Los, kommt her und beendet es endlich! Los! Ich erwarte euch! Aber seid sicher: Ein paar nehm ich noch mit in die Hölle."
Aber sie machten keinerlei Anstalten näher zu kommen.
"Wo sind Ben, Chas und Capucine?"
"Ein Hubschrauber fehlt."
"Wo sind die?"
Diese Fragen und Feststellungen wogen viel schwerer. Jeder in der Runde konnte sich die einzige Möglichkeit denken. Peter Tingwell, der sie alle mit einem wahnsinnigen Blick anstarrte, hatte noch mehr Opfer gefordert.
Alle waren wütend, aber keiner wußte genau, was es jetzt zu tun gab, Reinhard hätte am liebsten vor nichts gewußt. Für einen Politiker war es nicht ziemlich, sich an Gewalttätigkeiten zu beteiligen.
Edgar war Polizist. Für ihn war es natürlich, der Verhaftung des Verbrechers entgegenzusehen. Aber unter den Umständen, die Tingwell zu verantworten hatte, war es keine Lösung, leider.
John hätte sich am liebsten gleich auf Peter Tingwell gestürzt. Aber er hatte noch nie in seinem Leben einen Menschen getötet und obwohl er damit gedroht hatte, schreckte er nun zurück.
"Warum kommt ihr nicht? Habt ihr Angst? Ich bin doch nur einer, ihr seid so viele."
Für Sonja und Hartwig war es ganz eindeutig, daß der junge Mann in der Mitte des Kreises verrückt war. Irgendwann mußte bei ihm ein Faden gerissen sein. Am Besten wäre es gewesen, ihn sofort in eine geschlossene Anstalt einzuliefern.
Es war ganz still.
Niemand sagte ein Wort.
Kein Motor machte ein Geräusch. .
Es war so, als wären die Menschen nur Holographien.
Alles schien unwirklich.
Tschittitschittitsohitti.
Alle wandten den Kopf in die Richtung, aus der das Geräusch zu hören war.
Ein Murmeln setzte unter den Hubschrauberbesatzungen ein.
"Das muß doch Chitty sein. Aber wer...?"
Dann tauchte das überlange Auto auf. Die Rotoren an den Spitzen der ausgefahrenen Flügel zerschnitten die Luft.
Inmitten des Kreises landete das Auto, dessen Verdeck geschlossen war. Man konnte also noch nicht sehen, wer darin saß.
Aber es herrschte die allgemeine Ansicht, daß es nur Frederick sein konnte.
Dann ging das Verdeck auf und zwei Personen stiegen aus, eine dritte blieb auf dem Rücksitz sitzen.
Helmuts Hand schloß sich fester um die seiner Frau. Er hatte Tränen in den Augen.
"Maria!" Er mußte zurückgehalten werden, um nicht gleich zu seiner Tochter und deren Freund zu rennen.
"Das sind doch..."
"Maria und Ralf!" John Hardt begann zu weinen. Nein, jetzt konnte er nichts mehr tun.
Peter atmete heftig. Er hielt die Tränen zurück. Das konnte nicht wahr sein. Es mußte eine Sinnestäuschung sein. das konnten nicht Maria und Ralf sein. Aber das war Chitty und hinten saß Frederick.
Maria und Ralf waren zu Tingwell gegangen.
Ralf baute sich vor ihm auf, verschränkte die Arme und musterte den jüngeren Mann.
Maria ging zu dem Mann.
"Sind Sie Peter Tingwell?" fragte sie.
Alle hörten es.
Es war Maria!
Sie war es. Jetzt schämte sich keiner mehr der Tränen. Und so mancher glaubte ab diesem Tag an Wunder.
"Danke! Danke!" Karin schaute zum Himmel hinauf. "Danke."
"Ja. Ich gebe auf."
Maria schaute ihn grimmig an. Sie war bekleidet mit einem hellblauen Overall, genau wie ihr Freund.
Und dann brach es durch. Mit Wucht verpaßte sie Peter Tingwell einen Tritt in dessen Eingeweide. Der Amerikaner brach zusammen. Maria trat zurück.
"Jetzt kannst du ihn haben", meinte sie zu ihrem Freund.
"Danke, Liebling."
Maria ging zum Auto zurück, setzte sich hinters Steuer und sorgte dafür daß die Rotoren eingefahren wurden und die Flügel im Rumpf des Fahrzeugs verschwanden. Dann wartete sie.
Auch Ralf wartete. Er wartete, bis Peter Tingwell wieder aufgestanden war.
"Sind Sie bereit, Peter Tingwell?" fragte Ralf. Seine Stimme war tief und fest, sein Vollbart dicht und gut geschnitten.
Tingwell sagte nichts. Er hatte Angst vor dem Mann, der sich vor ihm aufgebaut hatte.
Er war zwar nicht größer als Tingwell, auch nicht muskulöser, hatte sogar einen kleinen Bauch, aber er wirkte entschlossen, tödlich entschlossen. Und dann bewegte der bärtige Mann sich.
Sein Schlag in Tingwells Gesicht kam so schnell, daß dieser ihn kaum gesehen hatte.
Er war getaumelt, wischte sich jetzt mit der Hand über den Mund. Dann stürtzte er sich auf sein Gegenüber.
Ralf wich aus, so daß Tingwell ins Leere sprang.
Aber dann blieb Ralf nicht bewegungslos stehen. Er trat Tingwell in die Seite. Der Amerikaner schrie auf, blieb jammernd liegen, versuchte aufzustehen, aber Ralf packte ihn am Kragen und begann brutal auf das Gesicht seines Opfers einzuschlagen, bis seine Faust vom Blut Peter Tingwells ganz rot war. Tingwell hatte kaum noch einen heilen Zahn, seine Lippen waren aufgesprungen, die Nase war gebrochen und blutete, die Augen waren geschwollen.
Ralf sah sich das Häufchen Elend in seiner Gewalt an, dann stieß er ihn verächtlich auf den Boden.
Langsam, mit gemessenen Schritten, ging er zu Chitty, setzte sich auf den Beifahrersitz und küßte Maria auf den Mund,
"Jetzt fühle ich mich besser", bekannte er. "Ich glaube, wir können jetzt zu den anderen gehen. Frederick, Sie haben doch die Taschentücher?"
"Selbstverständlich."
Das große Auto fuhr an. Maria steuerte es zu ihren Eltern.
"Maria, Kind!" Ihr Vater fiel ihr sofort um den Hals, kaum das sie ausgestiegen war. Als Ralf um das Auto herumgegangen war, umfaßte er alle beide. "Und ich dachte schon, daß ihr tot seid."
"Seid ihr es wirklich?" fragte Eva und umarmte erst Maria, dann Ralf.
"Ich kann es gar nicht fassen." Sie hatte Tränen in den Augen. "Ich bin ja so froh." Dann begann sie hemmungslos loszuheulen. All die unterdrückte Trauer der letzten sechs Monate brach nun auf einmal los.
"Frederick, Taschentücher." Ralf sagte nicht viel, er hatte auch Tränen in den Augen.
Damit schien der Tag sein wichtigstes Ereignis gesehen zu haben, aber in diesem Moment wurde die Luft wieder von vielen kleinen Niesern erfüllt.
Das grüne Chitty Chitty Bang Bang kam über den Berg geflogen. Jeremy.
Jeremy nahm sich nicht die Zeit zu landen, er grüßte auch niemanden. Er saß ganz ernst hinter dem Steuer seines Autos, das er nur mit einer Hand festhielt. In der anderen Hand hielt er eine Pistole.
Er hatte die Ereignisse der letzten Stunden mit Aufmerksamkeit heimlich beobachtet und war zu dem Ergebnis gekommen, daß nun endlich ein Schlußstrich unter den Fall Tingwell gezogen werden mußte. Endgültig.
Und von den Anwesenden schien niemand dazu in der Lage zu sein. Nicht einmal Maria und Ralf.
Tingwell lag immer noch am Boden und krümmte sich vor Schmerzen, als das grüne Auto einen engen Kreis um ihn flog.
Jeremy schoß.
Tingwell krümmte sich.
Noch ein Schuß.
Wie ein Gummiball hob Tingwells Körper sich.
Noch ein Schuß.
Jeremy steckte die Pistole weg, griff mit der jetzt freigewordenen Hand ans Lenkrad und flog davon.
Der Fall Tingwell war abgeschlossen.