21.03.04
(Geschrieben vom 15. bis 20.03.04)

Während ich hier an der Tastatur sitze, liegt Tecumseh in der Küche.
Ich weiß, er wird sterben.
Heute. Oder morgen.
Tecumseh ist 20 Jahre alt - oder sind es doch nur 18? Ich bin mir nie so sicher. In jedem Fall: Ein stolzes Alter für eine Katze.
Und doch kommt das Ende zu bald.
Ich erinnere mich noch an seinen Auftritt in meinem Leben. Es ist, als wäre es gestern.
Während ich die Erinnerungen tippe, kämpfe ich gegen die Tränen.
Als Tecumseh in mein Leben trat, es war an einem 1. Juni, wohnte ich in einer kleinen 1-Zimmer-Wohnung in Stuttgart-Vaihingen, direkt an der Schnellstraße, von ihr nur durch einen Garten und eine häßliche Schallschutzmauer getrennt.
...
Ich habe Tecumseh ins Wohnzimmer geholt, wo er auf seinen Teppich, direkt neben dem Katzenclo liegt. Er ist einige Schritte gegangen. Wackelig zwar, aber immerhin.
...
Damals lebte ich mit Renate zusammen, meiner geliebten Renate, die ich zwei Jahre vorher aus dem Tierheim geholt hatte, und einigen Wellensittichen.
Mein Nachbar war ein junger Mann, dessen Namen, dessen Gesicht längst vergessen ist. Die Nachbarn haben oft gewechselt in diesem Haus, die wenigsten sind in guter Erinnerung.
Als ich von der Arbeit heimkam, fing er mich vor der Tür ab und sagte, meine Katze sei auf seinem Balkon gewesen (unsere Balkone waren nur durch eine Betonplatte getrennt, die Brüstungen waren für Katzen durchaus zu begehen). Jetzt sei sie in seiner Wohnung.
Also ging ich zu ihm und fand statt Renate, die bereits eine stattliche Dame von offiziell 4 Jahren war, ein kleines etwas, das kaum in meine Hand paßte. Ein kleines Kätzchen, das mich aus gelbbraunen Augen anschaute.
Ich wohnte im 1. Stock, von der Straße konnte die Katze also nicht kommen. Woher aber dann?
Die Antwort lag auf der Hand: Von der lärmenden Person über mir, mit der ich seit Jahren im Streit lag, da sie ihr Radio ständig so laut eingestellt hatte, daß ich in meiner Wohnung jedes Wort verstand - und die Wohnungen waren nicht besonders hellhörig. Der Lärm war so unerträglich, daß ich mehrmals die Polizei einschaltete.
Dieses Monster, das nur gebrochen Deutsch sprach, hatte eine Katze, die trächtig gewesen war. Der kleine Kerl mußte von ihrem Balkon heruntergefallen sein - was ihm wahrscheinlich das Leben gerettet hat, denn ich zweifle nicht daran, daß das Monster die anderen Kätzchen, die man einige Tage hören konnte, irgendwo, wahrscheinlich im nahen Wald, brutal ermordete.
Ich nahm das Kätzchen zu mir. Renate interessierte sich nicht besonders für ihn, obwohl sie sonst gegen fremde Katzen sehr aggressiv sein konnte. Er hingegen war sehr interessiert an ihr, tappste hinter ihr her, versuchte sogar in mein Bett zu kommen, daß damals auf einer ausrangierten Werkbank lag und daher in einer Höhe von 80 cm schwebte.
Ich werde nie vergessen, wie er schon am ersten Abend nach dem herunterhängenden Bettzipfel schnappte und mühsam nach oben kletterte.
Ich werde auch nicht vergessen, daß er mir nachts ins Bett pinkelte und tagsüber die Wohnung vollschiß.

Einige Tage versuchte ich für den kleinen ein neues Heim zu finden, dann stellte ich die Suche ein. Ich hatte mich schon zu sehr an ihn gewöhnt.
Ich liebte ihn - und habe bis heute nicht aufgehört ihn zu lieben.
Nach einigen Wochen entdeckte ich, daß aus seinem Darm etwas heraushing. Also zum Tierarzt mit ihm.
Nur um Mißverständnissen vorzubeugen: ich war damals in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme beschäftigt und ohne die Hilfe meiner Großeltern wäre ich verhungert. Irgendwann beantragte ich Sozialhilfe, da ich zu meinen Eltern keinen Kontakt pflegte. Sowohl mein Vater als auch meine Mutter mußten gerichtlich zur Unterhaltszahlung gezwungen werden.
Die Tierärztin, eine dünne, jüngere Frau meinte: entweder operieren oder einschläfern.
Ich hatte kein Geld. Was hätten sie getan?
Für mich gab es keine Wahl. Nicht einen Moment. Ich ließ ihn operieren. Ich glaube mich zu erinnern, daß es fünfzig Mark kostete.
Das war damals eine Menge Geld, nicht nur für Leute, die nichts außer Schulden hatten.
Eine Tabaksbeutelnaht. Ja, so nannte sich das.
Und es blieb nicht bei dem einen Mal.
Vier Operationen? Oder doch fünf?
Schließlich gab die Ärztin auf. Tecumseh mußte richtig operiert werden. In einer Tierklinik. In Reutlingen.
Inzwischen hatte ich zwar einen neuen Arbeitsplatz gefunden, aber mehr Geld war deshalb noch lange nicht da.
Ich nahm einen Tag frei und fuhr mit dem Zug nach Reutlingen. Auf der Fahrt dorthin, rutschte das Darmende wieder heraus. Wie schon so oft zuvor schob ich es zurück (was Tecumseh nicht mochte).
Als ich beim Arzt ankam (und nachdem ich Ratenzahlung vereinbart hatte), schaute der Arzt sich meinen kleinen Kater an und meinte, es sei doch alles in Ordnung. Kein Grund für eine Operation.
Seit diesem Tag blieb der Darm immer dort wo er hingehörte.
Es war ein Wunder, ein richtiges Wunder, für das ich bis zum heutigen Tag dankbar bin.
...
Was er lange sehr gerne tat, war Papierknäuel hinterher zu rennen. Manchmal apportierte er sogar, aber das war eher die Ausnahme (Truly, meine derzeitige Kätzin apportiert ständig Wattestäbchen). Fast noch lieber, schlug er mir die ihm zugeworfenen Knäuel zurück. Manchmal dauerte das "Tennis"spiel eine Viertelstunde, bevor sein Interesse erlahmte.
Als er zwei war, stand stand die nächste Operation bevor. Meine damalige Freundin und ich warteten sehr lange. Eigentlich sollte man warten, bis er zum ersten Mal markiert. Tecumseh dachte gar nicht daran zu markieren. Er liebte es am Bauch gekrault zu werden und zeigte das durch einen erigierten Penis. Putzig war das.
Ich fühlte mich richtig mies, als ich ihn zum Tierarzt brachte. Und weinte als ich ihn am nächsten Tag abholte, als er von der Betäubung richtig benommen war.
...
Während ich im großelterlichen Haus in Möhringen wohnte (ein Fehler, der schließlich zum totalen Zerwürfnis mit meiner Familie führte), durften Renate und Tecumseh immer wieder in den Garten (ich hoffe inständig, daß es Haus und Garten noch gibt. Dem Betrüger, Ausbeuter polnischer Wanderarbeiter und ehrlosen Lumpen, der das Haus kaufte, ist zuzutrauen, daß er den aus dem 18.Jahrhundert stammenden Bau inzwischen für einen häßlichen, stillosen Bau niederreißen ließ). Während Renate auch dann meine Nähe suchte, achtete Tecumseh auf Abstand, kehrte aber jedes Mal freiwillig in die Wohnung zurück.
Tecumseh war immer zu Streichen aufgelegt, die er mit großer Vorliebe Renate spielte, die ihn ab und zu mit einem Tatzenhieb zügelte. Ganz so, wie Tecumseh später von Truly geneckt wurde.

Als Renate starb, war Tecumseh sehr traurig (ich auch). Ich hielt es für besser eine neue Gefährtin für Tecumseh zu besorgen. So kam
Myriel in mein Leben.
Um es kurz zu machen: Tecumseh mochte sie nicht. Es dauerte wochenlang, bis er aus seinen Verstecken heraus und wieder zur mir auf die Couch kam oder sogar ins Bett kam.
Myriel war sehr dominant, während Tecumseh eher still, zurückhaltend und sehr scheu war.
Nach Myriels Tod kam Truly, von der er sich nicht sonderlich beeindrucken ließ. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Tecumseh wohl darauf verzichtet, wieder eine neue Kätzin an seine Seite gestellt zu bekommen. So sehr sie ihn auch neckte, so klar war immer, daß er zuerst fraß und trank. Anders als Myriel drängte Truly sich nie vor. Alles in allem denke ich, daß ihm die Aufregung, die sie in sein Leben brachte doch gut tat.
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Wer Tecumseh kannte (und das waren nicht viele, da er sich vor den meisten Besuchern versteckte) mochte seine unaufdringliche, ruhige Art sofort.
Wer ihn kannte, liebte ihn und wird ihn nie vergessen.
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Tecumseh schläft.
Ich hoffe, er bleibt mir noch lange erhalten.
Aber zur Zeit habe ich kaum Hoffnung.
...
Am nächsten Tag...
Vor drei Jahren bekam Tecumseh nach und nach einen weißen Vollbart, ein deutliches Zeichen dafür, daß er längst das Seniorenalter erreicht hatte. Er war schon immer rank und schlank, was jetzt - obwohl er tüchtig und mit gutem Appetit fraß - noch deutlicher.
Im letzten Jahr wurde klar, daß er immer schlechter sah. Er war nicht blind, aber mehr als Schemen wird er wohl nicht mehr gesehen haben.
Als ich heute heimkam, lag er neben seiner Toilette. Mit offenem Mund und aufgerissenen Augen. Ich heulte wie ein Schloßhund - bis er plötzlich ganz sanft den Kopf hob.
Nun ruht er vor dem Fernseher.
Er frißt nicht mehr, bewegt sich aber hin und wieder.
Sein Tod ist unausweichlich. Und obwohl ich weiß, daß er ein langes, wohl auch schönes, gut behütetes Leben geführt hat, schmerzt der drohende Verlust.
...

Tecumseh ist in der Nacht zum 18. März 2004 gestorben. Er fehlt mir. Und meiner Frau. Seine letzte Ruhe wird er auf dem Tierfriedhof Stuttgart-Fasanenhof finden.

Seite gestartet am 20.10.1999
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