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Nachruf auf Myriel

Der Tod eines geliebten Familienmitglieds ist immer eine schreckliche Sache, ganz gleich ob er plötzlich oder schleichend kommt.

Myriel ist tot.

Viele werden sagen: „Es war ja nur eine Katze.“

Aber es war meine Katze. Ich habe sie geliebt. Maria hat sie geliebt. Und wer einmal in meiner Wohnung war, wird sich gerne an sie erinnern. Auch Menschen, die mit Katzen nichts anfangen können, sind ihrem Charme erlegen.

Ich weiß es noch genau... Myriel wurde an einem Samstag in mein Leben getragen. Eine mir völlig unbekannte, schwarz-weiße Katze, die ich als Nachfolgerin meiner geliebten Renate anschaffte. Renate, deren Platz in meinem Herzen nie eine andere Katze einnehmen wird. Renate, die meinen Tecumseh groß gezogen hat. Sie war an einem Donnerstag gestorben. Es war ein traumatisches Erwachen für mich gewesen.

Noch Wochen später brach ich in Tränen aus, als ich an sie dachte, ja, als ich Maria meiner ersten Begegnung mit Renate erzählte, vier Jahre später, erstickte meine Stimme in hemmungslosem Weinen.

Doch hier soll es um Myriel gehen.

Ein Mann und eine Frau der Katzenhilfe brachten sie mir. Ein dünnes, verängstigtes Etwas, das sich sofort in meiner Rumpelkammer (die später zum Schlafzimmer wurde) versteckte, nachdem man sie aus dem Käfig entließ.

Sie hielt den Kopf schräg. Es war auffällig, aber den Grund kannten die beiden Fremden nicht. Sie kannten auch den Namen der Katze nicht, wußten nur, daß sie bereits etliche Besitzer hinter sich gebracht hatte. Der letzte Besitzer wollte sie vom Tierarzt totspritzen lassen. Der weigerte sich und gab das Tier ins Tierheim (lt. Stempel auf dem Tierabgabevertrag war es das Heim in Plüderhausen).

Die ersten Tage bekam ich unseren 7jährigen Neuzugang (Tecumseh war 11) kaum zu Gesicht.

Wie sollte ich sie nennen? Ich dachte an ein Meerschwein, das ich vor etlichen Jahren gehabt hatte. Es war schwarz-weiß – wie diese Katze. Und es hieß Myriel – nach einer Figur aus meinem Roman Jalousie.

Schließlich lebte sie auf, sprang zu mir ins Bett, sprang auf die Fensterbretter, auf den Kachelofen, sie fraß und wurde kräftiger. Sie fing an Tecumseh durch die Gegend zu jagen, der sich daraufhin fast ein Jahr nicht in meine Nähe getraute – was mir sehr weh tat.

Myriel fing an meine Schallplattencover und Comics zu zerkratzen, kein Karton war vor ihr sicher – nur den Kratzbaum verschmähte sie. Am Anfang schrie ich, um sie abzuhalten, aber sie reagierte nicht. Erst nach Monaten wurde mir bewußt, warum sie den Kopf so schräg hielt: Myriel war taub (vielleicht auch nur schwerhörig).

Als Maria in mein Leben trat, machte Myriel sofort klar, wer der Chef in der Wohnung war. Maria konnte sich kaum rühren, ohne daß Myriel sich ihr zuwandte. Das erste Geburtstagsgeschenk, das Maria von mir (zusammen mit ihrem jüngeren Sohn) erhielt, war ein Schaukelsessel – den sie fortan gegen Myriel verteidigen mußte, die mehr als einmal merken ließ, daß sie den Sessel als ihr Eigentum betrachtete.

Saßen wir beim Essen, schlich Myriel sich unter den Tisch und mogelte sich zwischen meine Beine. Sie stellte sich auf die Hinterbeine und schaute mich aus ihren großen, grünen Augen bettelnd an. Ich streichelte sie, hob sie aber nur selten hoch.

Saß ich auf dem Sofa, sprang Myriel auf die Lehne und begann mein Haar und meinen Bart abzuschlecken, ein sehr zweifelhaftes Vergnügen (Tecumseh zieht meine Hand vor).

Betraten wir das Schlafzimmer, saß Myriel ganz geschwind auf dem Bett. Nachts versuchte sie, sich zwischen Maria und mich zu legen, fand aber ihren Platz immer in meiner rechten Armbeuge. Nur selten zog sie einen anderen Schlafplatz vor (im Gegensatz zu Tecumseh, der mal hier, mal da schläft, war sie sehr ortsfest).

Gab es Futter, wollte sie immer die erste sein. Tecumseh wurde vertrieben. Warf ich Wurst durch den Raum, schlich sie hinter Tecumseh her und nahm ihm weg, was er noch nicht verschluckt hatte.

Um den Platz am Fenster kämpften die beiden recht oft, aber eigentlich hielt sie es dort nie lange aus. Sie lag lieber auf der Couch oder Marias Relax-Stuhl.

Ein Jahr nach ihrem Einzug, verlor Myriel den linken Reißzahn, fraß aber munter weiter alles was ihr in den Weg kam. Wie alle meine Katzen war sie verrückt nach Sahne und Milch, sie raubte mir aber auch die Wurst vom Brot, wenn ich nicht aufpaßte. Im letzten Lebensjahr entwickelte sie sogar Geschmack für kalten schwarzen Tee.

Vor einigen Monaten begann sie aus dem Ohr zu riechen. Vielleicht waren es Milben, vielleicht nur Blut. Da sie und Tecumseh mitunter rauften, gab es hin und wieder kleine Verletzungen. Oberflächliche Kratzer, nicht mehr. Die Rangfolge war zu klar und Tecumseh verspürte auch keine große Lust, daran etwas zu ändern.

Zwei Wochen vor ihrem Tod kratzte Myriel sich das linke Ohr auf. Es war nackt, sah böse aus, und blutete eine Zeitlang. Myriel wurde lethargischer, aber nicht so sehr, das es wirklich auffiel. Sie kam noch immer, um bei mir zu schlafen, sie schleckte noch immer an mir herum.

Erst am Freitag vor ihrem Tod, fiel mir auf, das sie weniger herumlief, aber sie reagierte auf alles, spazierte auch etwas umher, kam zu mir auf die Couch. Nur eben alles viel zurückhaltender als sonst.

Es war Sonntag, der 1. April. Vom Wetter ein schöner Sonntag, der erste echte Frühlingstag in diesem ach so traurigen Jahr.

Am Morgen entdeckte ich Blut an Myriels Nase. Als Maria am Nachmittag kam, nahm ich Myriel vom Sessel. Uns fiel auf, daß sie unsicher ging. Und sie fraß nicht.

Wir entschlossen uns, den Notarzt aufzusuchen. In Degerloch (Neue Weinsteige 100), eine Stunde von mir entfernt. Aber wenigstens gab es einen Tierarzt. Rasch packten wir Myriel in den Katzenkorb, den sie noch nie gesehen hatte und fuhren mit ihr durch die Stadt, mit der Zahnradbahn den Berg hinauf.

Durch die Gitterstäbe hindurch suchte sie immer wieder den Kontakt zu mir und Maria. Ja, es war alles in Ordnung, wir machten uns sicher nur überflüssige Sorgen. Es war so ein schöner Tag.

Beim Arzt angekommen, kam uns ein recht heruntergekommen aussehendes Pärchen mit einem schlanken Schäferhund entgegen. „Er muß eingeschläfert werden“, erklärten sie uns ohne jede Rührung. Nein, ich werde andere Menschen nie verstehen.

Dann wurden wir ins Behandlungszimmer gerufen.

Der Arzt, ein sympathisch wirkender Mann, dem von einer nicht minder nett aussehenden Frau assisistiert wurde, nahm Myriel aus dem Korb und ließ einen großen Wattebausch vor ihren Augen rauf und runter springen. Sie reagierte nicht.

Er hielt sie an den Hinterpfoten und ließ sie auf die Vorderpfoten fallen. Sie fing sich nicht auf. Mehrmals klatschte ihr Kopf auf den Untersuchungstisch aus Edelstahl.

Er tastete sie ab. Myriel schrie.

Dann die Diagnose.

Blind. Reaktionsschwach, geschwollene Leber. Es sieht nicht gut aus.

Sie wird sterben. Sie wird sterben. Er sagte es nicht, aber - sie wird sterben. Ich krallte meine Finger in den Untersuchungstisch und versuchte meine Tränen zurückzuhalten. Maria hielt mich fest.

Sie kann doch nicht blind sein. Gestern hat sie mich noch angesehen.

Erstmal röntgen.

Maria gingen in den Vorraum, der direkt auf die Straße führte. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen, brach in Tränen aus. Myriel kann doch nicht sterben. Sie ist doch erst zwölf, vielleicht auch vierzehn.

Dann das Röntgenbild. Das Herz liegt auf dem Knochen auf, die Leber ist geschwollen.

Ihre Blutwerte werden gemessen, sie wird gewogen. Sie wiegt 4 Kilo. Das ist doch kein Gewicht, mit dem man stirbt. Renate war abgemagert, aber Myriel doch nicht. Einige Tage vorher war sie noch das blühende Leben gewesen. Sie kann doch nicht...

Die Blutwerte sehen nicht gut aus. Die Nieren sind beeinträchtigt. Er verschreibt ihr Tabletten.

Es sieht nicht gut aus, aber es besteht Hoffnung. Ich muß täglich mit ihr zum Tierarzt, dann kann sie es schaffen. Ich bin kurz davor zusammenzubrechen. Maria stützt mich. Ich bin in Tränen aufgelöst. Draussen ist schönes Wetter.

Das kann doch nicht wahr sein. Es muß ein Traum sein. Es muß einfach ein Traum sein.

Wir zahlen zweihundert Mark und fahren nach Hause.

Tecumseh schnüffelt kurz am Korb, trollt sich dann. Wir holen Myriel aus dem Korb. Sie kann kaum gehen. Das müssen die Medikamente sein. Natürlich. Die Untersuchung hat sie gestreßt. Alles in Ordnung. Morgen zum Arzt, dann wird alles besser. Ich gebe ihr die Tabletten, die ihr der Arzt verschrieben hat. Wir legen sie auf den Katzenteppich, direkt zwischen Couch und Fernseher. Sie versucht zu gehen, schlägt aber immer wieder hin.

Sie atmet heftig aber regelmäßig. Maria setzt sich auf den Boden und streichelt Myriel. Wir versuchen ihr Wasser zu geben, aber sie will davon nichts wissen.

Pro Stunde gibt es nur zwei S-Bahnen nach Korntal. Eigentlich wollte Maria um viertel nach acht gehen, aber nachdem Myriel sich erbrochen hat und immer heftiger atmet, mit offenem Mund und offenen Augen, bleibt Maria noch etwas. Ich sitze verzweifelt auf der Couch, bin völlig hilflos, aber... es wird ihr besser gehen. Der Arzt hat doch gesagt, es besteht Hoffnung.

Tecumseh schaut kurz vorbei, trollt sich dann jedoch.

Kurz vor neun bringe ich Maria zur Straßenbahn, „Versprich mir, du rufst mich an, wenn heute Nacht was ist. Egal wann.“, bin schon eine viertel Stunde später wieder in meiner Wohnung. Ich schaue Myriel an, deren Atem noch immer heftig geht. Auf mein Streicheln reagiert sie nicht mehr.

Dann sortiere ich einige Dinge am Schreibtisch. Plötzlich fällt mir die Stille auf. Ich schaue Myriel an. Die Bewegung ihres Bauches hat aufgehört.

Der Arzt hatte gesagt, es besteht Hoffnung.

Sie bewegt sich nicht mehr. Atmet nicht mehr. Eine optische Täuschung. Es muß eine Täuschung sein. Ich berühre ihren Bauch.

Nichts.

Ich gehe zur Couch. Es ist 21.20.

Ich setze mich hin und starre Myriel an. Tecumseh kommt zu mir, schmiegt sich an mich. Ich starre Myriel an, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Ich kann nur meine Hand bewegen, mit der ich Tecumseh festhalte.

Morgen sollte ich zum Tierarzt gehen.

Nein, es muß ein Traum sein. Es muß ein Traum sein. Es muß...

Dann bricht es in mir durch. Ich breche in Tränen aus, kann Minuten lang nicht an mich halten. Tecumseh sucht sich einen anderen Platz.

Um 21.38 versuche ich Maria anzurufen. Sie ist noch nicht in ihrer Wohnung.

Um 21.40 meldet sie sich. Ich brauche nichts zu sagen. Sie weiß, es ist passiert. Eine halbe Stunde später ist sie wieder bei mir. Mit einem Taxi. Sie wirft einen Blick in den Karton, in den ich Myriel gelegt habe, dann brechen wir beide in Tränen aus. Ich schreie meinen Schmerz aus mir heraus, weine wie ein kleines Kind kann kaum aufhören, und Maria weint mit.

In dieser Nacht läuft Tecumseh, der sonst immer durch schläft, nervös hin und her.

Am nächsten Morgen rufe ich im Geschäft an, nehme einen Tag Urlaub, danach in Marias Firma, um mitzuteilen, daß sie später kommt. Wir rufen ein Taxi, obwohl wir das Ziel bereits am Telefon nennen, hat der Fahrer keine Ahnung, wo die Sammelstelle ist. Kleintierkadaversammelstelle, das hätte man auch freundlicher benennen können. Ich kannte den Weg, den ich nie wieder gehen wollte.

Meine Vermieterin stand am Fenster, als wir auf die Straße gingen. Obwohl wir ihr sagten, wir hätten einen Todesfall, kommt von ihr nichts, außer ein leises „Guten Morgen“. Kein Beileid. Nichts. Damit disqualifiziert sie sich endgültig als Mensch.

Die Tür der Sammelstelle geht leichter auf, als ich gedacht hätte. Es riecht komisch. Ein Schild sagt, Ziegen und andere Klauentiere, solle man durch eine separate Klappe entsorgen.

Wir stellen den Karton ab und gehen hinaus.

Nein, ich konnte die Klappe nicht öffnen. Irgend ein freundlicher Mensch muß Myriel später aus dem Karton nehmen. Wir können es nicht.

Maria nimmt mich in die Arme. Wir weinen auf offener Straße wie kleine Kinder. Ich wüßte nicht, was ich ohne Maria tun sollte. An jedem Tag. Aber ganz besonders an diesem.

Myriel ist tot.

Es ist sechs Tage her. Ich schaue noch immer zum Sessel und hoffe, sie dort zu sehen. Ich kann es noch immer nicht fassen, daß rechts von mir niemand im Bett liegt (Maria liegt links), daß niemand an meinen Beinen vorbeistreift, wenn ich am Schreibtisch sitze (Tecumseh setzt sich auf die Seitenlehne der Couch), das niemand meine Haare abschleckt, wenn ich telefoniere.

Myriel ist tot.

Ich kann es noch immer nicht fassen.

Myriel ist tot.

Ich bin froh, daß sie gelebt hat.

Myriel ist tot.

Aber sie wird nicht vergessen werden.