Robert Harris
*07.03.1957 (Nottingham)
Harris ist Historiker - was man seinen gut recherchierten und durchdachten Romanen durchaus anmerkt.

Jahr
Deutscher Titel
Originaltitel

1982 A Higher Form of Killing: Secret Story of Gas and Germ Warfare Eine höhere Form des Tötens. Die geheime Geschichte der B- und C- Waffen / Der lautlose Tod
1983 Gotcha! The Government, the Media and the Falklands Crisis --
1984 The Making of Neil Kinnock --
1986 Selling Hitler: Story of the Hitler Diaries Hitler verkaufen. Die Geschichte der Hitler-Tagebücher
1990 Good and Faithful Servant: Unauthorized Biography of Bernard Ingham Der gute und getreue Diener. Die unautorisierte Biografie des Bernhard Ingham.
1992 Fatherland Vaterland
1995 Enigma Enigma
1999 Archangel Aurora
2000 PMQ --
2003 Pompeii Pompeji
2006 Imperium Imperium
2007 The Ghost Ghost
2009 Lustrum Titan
2011 The Fear Index Angst
2013 An Officer and a Spy Intrige
2015 Dictator Dictator
2016 Conclave Konklave
2017 Munich München
2019 The Second Sleep Der zweite Schlaf
2020 V2 Vergeltung


Aurora


Archangel (1998)
Heyne (2000)

Fluke Kelso, ein Historiker, erhielt einen Hinweis auf etwas, das Stalins Tagebuch zu sein scheint. Als er es findet, ist es das Tagebuch von Stalins letzter Geliebten und er steckt mitten in einem Komplott, das er noch lange nicht durchschaut.

Der dritte Roman von Harris und wieder enttäuscht er keinen Moment. Angereichert mit historischen und aktuellen politischen Bezügen, unheimliche spannende Unterhaltung.

Der deutsche Titel ist mehrdeutig. Einerseits bezieht er sich auf eine Zeitung, die immer wieder im Text genannt wird (gibt es sie wirklich?), andererseits auf ein Schiff, das in der russischen Revolution eine Rolle spielte.

Der Originaltitel ist der Name der Stadt, in der die Handlung dem Höhepunkt zustrebt.

Unbedingt zu empfehlen.
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Conclave


Conclave (2016)
Arrow Books (2016)

Robert Harris: Conclave
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Ein Papst stirbt. Die Kardinäle werden nach Rom gerufen, um einen neuen Papst zu wählen. Der Roman folgt dem Konklave aus der Sicht der italienischen Kardinals Lomeli.

So weit, so gut.

Harris ist ein ganz wunderbarer Schriftsteller. Er macht die Menschlichkeit der Kardinäle greifbar.

Leider meint Harris, es genügt nicht, aufzuzeigen, wie die Stimmungen dafür sorgen, dass sich nach und nach eine Mehrheit für einen der Kardinäle ergibt. Harris muß noch einen Terroranschlag hinein arbeiten. Das ist überflüssig wie ein Kropf.

Leider ist der Roman vorhersehbar. Von Anfang an gibt es (für mich) nur zwei mögliche neue Päpste - und je mehr Harris andeutet, dass es der eine wird, desto klarer wurde mir, dass das ein Ablenkungsmanöver war und am Schluss der andere siegen würde.

Auch die letzte "Überraschung" hatte sich lange vorher angedeutet.

Schade, dass das Buch versucht, ein Thriller zu sein. Auch ohne Mord und Totschlag sind die Auseinandersetzungen zwischen den Kardinälen spannend genug, um das Buch zu tragen.

Nein, "Conclave" ist nicht das beste Buch des Autors, aber lesenswert ist es allemal.


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Dictator


Dictator (2015)
Hutchinson (2015)

Robert Harris: Dictator
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Die Fortsetzung von Lustrum (Titan).

Cicero flieht aus Rom, noch bevor Clodius als Volkstribun den Bann über ihn aussprechen kann, durch den Cicero alles verliert. Er durfte sich Rom nicht mehr als 500 Meilen nähern. Wurde er darin erwischt drohten ihm und jedem, der ihm hilft die Todesstrafe.

Ein Jahr später gelingt es Cicero durch Einwirken von Titus Annius Milo und mit Einverständnis von Caesar, den Bann aufheben zu lassen. Er kehrt nach Rom zurück, legt sich mit Clodius an, versucht einen Keil in das Triumvirat (Caesar, Pompeius und Crassus) zu treiben, was jedoch schief geht. Nachdem Caesar und Pompeius ihm klar machen, dass er seine Ränkespiele bleiben lassen sollen, widmet er sich seiner Schriftstellerei.


Das ist Harris wie ich ihn liebe. All die Persönlichkeiten, die man aus dem Geschichtsunterricht kennt, werden in seinem Roman lebendig. Rom war zwar eine Demokratie, aber die war anfällig für Populismus. Wer Geld hatte, konnte sich mit Schlägertrupps auch Macht verschaffen, in dem Gegner eingeschüchtert oder sogar daran gehindert wurden, an einer Abstimmung teilzunehmen. Eine Polizei in unserem Sinn, also eine Schutztruppe der Allgemeinheit (die von Herrschenden auch heute noch gerne missbraucht wird. Die Beispiele kennen sie alle. Das fängt in Stuttgart mit der Parkräumung an und endet in der Unterdrückung der Demokratiebewegung in Hongkong noch lange nicht), gab es damals nicht, deshalb war das Gemeinwesen auf die Anständigkeit der Teilnehmenden angewiesen. Dass darauf nicht rechnen ist, hat sich damals schon lange gezeigt, nicht nur während der Diktatur von Sulla (-138 bis -78).


Clodius wurde von Milo ermordet. Milo wird angeklagt und von Cicero verteidigt. Nachdem Crassus den Tod gefunden hat (wie alle aus heutiger Sicht bedeutsamen Gestalten des Romans war es ein gewaltsamer Tod), versucht Pompeius sich mehr Macht zu sichern und setzt dazu auch durch, dass Senatoren, die noch nie einen Posten im Ausland innehatten, dies nachholen müssen. Dadurch schafft er es, Cicero aus Rom herauszubekommen.


Caesar hat den Rubikon überschritten, Pompeius und große Teile des Senats, haben Rom in Richtung Griechenland verlassen. Es kommt zu einer ersten großen Schlacht (bei Dyrrhachium*), die Pompeius für sich entscheiden kann, aber dann wird sein Heer abgeschnitten. Während einer monatelangen Belagerung gelingt es Caesar Pompeius Truppen von der Wasserversorgung abzuschneiden. Nach einem Ausfall formiert sich das Heer von Pompeius neu. Cicero war diesmal klug genug, das Heer nicht zu begleiten. Daher erfährt er von der Schlacht bei Pharsalos* nur durch einen Überlebenden.


Caesar hat den Bürgerkrieg gewonnen. Aus Ägypten wurde ihm der Kopf Pompeiius gebracht, in Tunesien hat sich Cato das Leben genommen (ziemlich grauselig. Harris beschreibt sehr detailliert, wie sich der zweiteilige Selbstmord zugetragen haben soll). Cicero wurde von Caesar empfangen, der ihm die Rückkehr nach Rom gestattete, nachdem Cicero ihm versprach, sich nicht politisch zu betätigen.

In Rom angekommen, trennte sich Cicero von seiner Frau. Wie die Scheidung durchgeführt wurde, ist mir nicht ganz klar. Ein behördlicher Akt scheint dafür nicht notwendig gewesen zu sein. (Terentia soll schier unglaubliche 103 Jahre alt geworden sein, d.h. nach der Scheidung lebte sie noch ca. 60 Jahre.)
In Rom kommt es zu einem Wiedersehen von Caesar und Cicero (auch ich lese das C als Z obwohl ich weiß, dass man eigentlich Käsar oder Käisar und Kikero sage müsste). Ganz offensichtlich ist Caesar alt geworden (Mitte fünfzig). Noch ist er "nur" Diktator, nicht König, aber allgemein wird damit gerechnet, dass er sich bald zum König aufschwingen wird. Aus heutiger Sicht, fragt man, was der Unterschied ist. Diktator im römischen Sinne war zwar ein Alleinherrscher, aber er war von Gesetzen eingehegt - und seine Amtszeit war befristet. D.h. nicht, dass ein Diktator ein netter Mensch war, ganz sicher nicht. Sulla ist wahrscheinlich der bekannteste Diktator - und auch wenn er freiwillig zurücktrat, gilt seine Herrschaft als Schreckenszeit.

Cicero (und Tiro) sahen Caesar dann erst am 15.03. ab urbe condita 710 (also 44 v. Chr.) wieder, denn beide waren Zeugen seiner Ermordnung.

Caesar wurde von Leuten ermordet, die ihm zu Dank verpflichtet waren - weil sie fürchteten, dass er die Königswürde für sich beanspruchen würde. Dass sie dadurch die Saat für das legten, was sie verhindern wollten, ist ein Treppenwitz der Geschichte.


Danach geht alles sehr schnell, was daran liegt, dass Cicero zwar in die Geschehnisse der nächsten Jahre verwickelt war, aber immer von der Seitenlinie. Antonius zeigt immer deutlicher, dass er selbst Nachfolger Caesars sein will - wenn es sein muss mit Gewalt. Zunächst wagen es nur wenige, sich gegen ihn zu stellen, darunter an erster Stelle Cicero. Er freundet sich mit Octavian an, hilft dem jungen Mann, fördert ihn und als dieser sich nicht nur gegen Antonius stellt sondern erkennbar eigene Ambitionen auf die Führung des Staates hat, versucht er ihn zu stoppen. Doch letztlich ist es zu spät. Es bleibt nur, sich zwischen Antonius und Octavian zu entscheiden, die Republik ist verloren. Cicero entscheidet sich für Octavian - und wird von dessen Teilnahme am zweiten Triumvirat überrascht. Auch diesmal wird Cicero für vogelfrei erklärt - aber diesmal ist er nicht schnell genug.


Wenn man geschichtsinteressiert ist, überrascht das Ende nicht. Harris macht es kurz. Keine wichtigen römischen Figuren des 1. Jahrhunderts vor Christus ist im Bett gestorben. Wir sehen heute gerne die Bauten, wir sehen auch noch die Politik, aber die Grausamkeiten, zu denen die Römer bei allem Glauben an das Recht fähig waren, blenden wir gerne aus. Die römische Republik ist letztlich daran zugrunde gegangen, dass man sich Macht kaufen konnte. Wer Geld hatte, konnte den Soldaten mehr zahlen und sie dadurch für sich einnehmen. Soldaten waren nie Diener des Staates sondern immer nur die Untergegebenen ihrer Heerführer.



Wäre die Weltgeschichte anders verlaufen, wenn die Caesarenmörder Antonius nicht verschont hätten? Vielleicht hätte die Republik dann wirklich noch eine Chance gehabt. Vielleicht hätte es aber nur eine Verschnaufpause gegeben und Octavian wäre trotzdem zum Alleinherrscher geworden.



Ich habe lange gebraucht, diesen Roman zu lesen, was aber daran liegt, dass ich während der Coronazeit weniger lese als sonst (und damit wahrscheinlich eine Ausnahme bin). Tatsächlich ist Harris mit seiner Triologie ein hervoragender Roman über das römische Reich zu gelungen. Ich kann alle drei Romane nur weiterempfehlen.



2020 in Regensburg gekauft.


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Enigma


Enigma (1995)
Heyne (1996)

Ein Thriller, der im 2. Weltkrieg spielt. Die Briten versuchen die mit einer Enigma (eine Chiffriermaschine) verschlüsselten Botschaften zu entschlüsseln. Eine Schlüsselfigur bei diesem Unterfangen ist Tom Jericho, der Held des Romans.

Spannend. Und ganz anders als Vaterland.
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The Fear Index


The Fear Index (2007)
Random House (2011)

Robert Harris: The fear index
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Alex Hoffmann hat einen weiten Weg hinter sich gebracht. Vom Computer-Nerd, der beim CERN angestellt war, zum Chef eines großen Hedgefonds. Sein Kapital ist ein Computerprogramm, das immer schneller und immer besser auf die Ereignisse an den Börsen reagiert und so selbst dann Gewinne erwirtschaftet, wenn es für andere Börsenteilnehmer nur noch steil bergab geht. Am 06.05.2010 überschlagen sich schließlich die Ereignisse.

Ja, das Buch ist gut geschrieben.

Ja, die Personen sind interessant.

Ja, ich erkenne Genf zumindest teilweise wieder.

Nein, es ist nicht das beste Buch des Autors.

The Fear Index ist vorhersehbar. Es erinnert an The Ultimate Computer aus der klassischen Star-Trek-Serie. Und es erinnert an Michael Crichtons Romane.

Gute, spannende Unterhaltung und eine Leseempfehlung, aber Harris kann deutlich besser sein.
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The Ghost


The Ghost (2007)
Arrow Books (2007)

Robert Harris: The ghost
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Nachdem ein Mitarbeiter des ehemaligen britischen Ministerpräsidenten tot aufgefunden wurde, wird ein Ghostwriter engagiert, um die angefangenen Memoiren zu Ende zu schreiben. Was nach einem Routineauftrag aussieht, entwickelt sich zu einer lebensgefährlichen Geschichte.

Glauben Sie mir, mir ist während der Lektüre nicht aufgefallen, dass der Ich-Erzähler keinen Namen hat. Wir lernen ihn immer besser kennen und trotzdem bleibt er unfaßbar.

Auch ohne mit britischer Gegenwartsgeschichte im Detail vertraut zu sein, ahnt man, dass Adam Lang etwas mit Tony Blair zu tun hat. Das ist beim Bezug auf den "Krieg gegen den Terror" einfach zu umumgänglich.

Die Idee, den MP zu einem CIA-Agenten zu machen, ist reizvoll und wird wohl irgendwann auch in "ernsthaften" Verschwörungstheorien auftauchen.

Harris lässt es nicht dabei, setzt noch einen drauf und findet zu einem Abschluss, der einen gruseln lässt.

Ein gelungenes, aktuelles, beängstigendes Buch.




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Imperium


Imperium (2006)
Heyne (2008)

Robert Harris: Imperium
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Eigentlich eine völlig unaufregende Sache, weil man das alles auch in Geschichtsbüchern nachlesen kann: Der Weg von Marcus Tullius Cicero vom Anwalt zum Konsul.

Abgesehen davon, dass Harris ein guter, versierter Schriftsteller ist und die Figur mit Leben füllt, vergisst er auch das Umfeld seiner Figur nicht. Die großen Dinge wie der Prozess gegen Verres sind schon offiziell gut dokumentiert, bei Harris wird daraus ein Gerichtskrimi, der sich hinter einem Perry Mason nicht verstecken muss.

Die von Harris geleisteten Vorarbeiten müssen immens gewesen sein.

Marcus Tullius Tiro, Erfinder Kurzschrift und Sekretär Ciceros, Terentia, seine erste Frau, Quintus Hortensius Hortalus, Gaius Verres, Gnaeus Pompeius Magnus, Caesar und viele andere werden hier nicht vergessen. Geschichtsschreiber ignorieren gerne, dass niemand aus sich selbst heraus seine Entscheidungen trifft. Man beeinflusst die Umwelt, aber man wird auch von der Umwelt beeinflusst.

Das Buch ist kein Thriller. Es ist spannend, man kann es nicht aus der Hand legen, nicht weil es spannend oder aufregend wäre, sondern weil es Harris gelingt, den Leser für die Personen zu interessieren.




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Munich


Munich (2017)
Arrow Books (2018)

Robert Harris: Munich
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Geschildert werden die Vorbereitungen und die Münchner Konferenz selbst, durch die 1938 ein Tel der Tschecheslowakei an Deutschland ging und - scheinbar - ein Krieg verhindert wurde.

Harris ist im Thema. Er kennt sich wirklich aus, das merkt man. Er hat an einer TV-Dokumentation zu dem Thema mitgearbeitet und er war in München, hat sich dort Räumlichkeiten anschauen können, die sonst für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind.

Alles okay.

Nur das Buch ... es versagt als Buch.


Um die Geschichte für den (einigermaßen geschichtlich) gebildeten Leser spannender zu machen, führt Harris zwei junge Männer ein, die sich als Studenten in Oxford begegnet sind. Der eine arbeitet für die britische Regierung, der andere für die deutsche. Der eine ist verheiratet, hat zwei Kinder und wird von seiner Frau betrogen, der andere ist Single. Anständig sind beide, deshalb ist der deutsche auch Teil des Widerstands.

Harris vertraut nicht auf die Spannung, die in den geschichtlichen Ereignissen selbst vorhanden sind (und bei deren Schilderung ist das Buch hervorragend), er muss seinen konstruierten Figuren etwas zu tun geben.

Ausgerechnet als alle in München aufeinander treten, ist dann die erzählerische Luft raus. Harris möchte keinen Fehler machen. Er führt den Leser durch München und glaubt, dadurch Spannung zu erzeugen und Interesse zu wecken.

Wenn man (wie ich) als Tourist in München war, erkennt man vieles wieder, versteht man, worauf er sich bezieht, aber das allein reicht nicht.


Harris liefert (selbstverständlich für ihn) ein interessantes und lesbares Buch ab. Aber es ist nicht der Thriller, das es sein möchte.

Vielleicht liegt es einfach daran, dass Harris inzwischen seine Bücher in zu kürzen Abständen veröffentlicht. Recherchiert sind die Bücher hervorragend, aber die Dinge, die Harris dazu erfindet. springen meiner Meinung nach zu kurz. Er kann mehr als er hier zeigt.


Ja, eine Empfehlung ist das Buch wert. Aber man sollte wissen, dass Harris mehr kann als er hier zeigt.


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An Officer and a Spy


An Officer and a Spy (2013)
Arrow Books (2013)

Robert Harris: An Officer and a Spy
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Ich hasse es, wenn es passiert!

Da schreibt man einen richtig langen Artikel - und vergisst ihn abzuspeichern. Aus irgendeinem Grund hab ich beim Schließen meines Editors übersehen, dass das File nicht gespeichert war ... Ergebnis: Der Text ist weg.

Ich könnte jetzt schnell was zusammenschustern, aber damit wäre ich nicht glücklich und sie auch nicht.


Daher: Nächste Woche ein neuer Versuch.

Im Prinzip braucht es dieses Buch nicht. Harris erzählt die Geschichte der Dreyfus-Affäre aus der Sicht eines der Beteiligten.

Dreyfus sagt Ihnen nichts? Oder Sie denken bei dem Namen an den Skandal um die Fußball-WM 2006? Haben Sie wenigstens schon mal von Emile Zolas "J'accuse" gehört?

Falls Ihnen die Dreyfus-Affäre ganz fremd ist (was sie mir nicht war, als ich das Buch gelesen habe), hier eine kurze Zusammenfassung.

Alfred Dreyfus war französischer Soldat, aus dem Elsass stammend und jüdischen Glaubens. Als der Verdacht aufkam, ein Mitglied der Armee würde Informationen an die (verfeindeten) Deutschen liefern, geriet er unter Verdacht. Als sich immer deutlicher abzeichnete, dass er unschuldig war, begann die Armeeführung Beweise gegen ihn zu fälschen, da sie ihren Fehler nicht eingestehen wollte. Dreyfus wurde aus der Armee entlassen und auf die Teufelsinsel (vor Französisch-Guayana) verbannt.

Nach dem Oberst Picquart neuer Chef des Geheimdiensts wurde, entdeckt er nach und nach den wahren Täter und die Vertuschung der Wahrheit. Als er seinen Vorgesetzten zu gefährlich wird, schicken sie ihn auf immer gefährlichere Posten, in der Hoffnung, dass er dort zu Tode kommt.

Schließlich wird der Fall neu aufgerollt - und Dreyfus wird rehabilitiert.


Das ist natürlich alles schon sehr lange her - und wirkt doch bis heute. Die Affäre Dreyfus hat den Antisemitismus in der französischen Bevölkerung offengelegt. Wo eine Minderheit zu Sündenböcken gemacht werden kann, sind Verbrecher nicht weit, die das auch tun. Um das zu verhindern, ist der Laizismus (also die Trennung von Religion und Staat) in Frankreich eingeführt worden. Dass es dann doch das Nachbarland war, in dem sich der blinde Rassenhass schreckliche Bahn brach, ist unser ewiges Schicksal, zu dem wir stehen müssen, auch wenn es dumme Leute gibt, die nicht sehen wollen, dass die Vergangenheit auch Zukunft sein kann, wenn man sie als abgeschlossen betrachtet.


Ähnlichen Affären wie der um Dreyfus begegnen wir im Geschäftsleben immer wieder. Selbst bei mir in der Firma hieß es, nachdem ein neues Computerprogramm eingeführt wurde, die Kritiker (sei ihre Kritik auch noch so gut begründet und nur der Sorge um das Wohl der Firma geschuldet) sollten gefälligst den Mund halten. Im Prinzip waren das mündliche Abmahnungen. Inzwischen sieht man auch ganz oben, wie berechtigt die Kritik war, und dass viel Geld verbrannt wurde, aber da man die Brücken hinter sich abgebrannt hat, gibt es kein Zurück mehr.

So etwas ist kein Einzelfall.

Die Diesel-Affäre ist genauso entstanden - und dauert bis heute an.


Zurück zum Buch.

Harris hatte es hier einfach. Er musste nichts erfinden, hat vielleicht hier und dort eine Lücke mit Phantasie gefüllt, bleibt aber sonst so dicht an der Wirklichkeit, dass Beschreibungen der Affäre auch Beschreibungen des Buchs sind.

Es spricht für Harris' Können, dass man das Buch auch dann nicht aus der Hand legen kann, wenn man den Ablauf der Geschichte kennt.

Für jeden Geschichtsbegeisterten und jeden Thriller-Freund unbedingt zu empfehlen.


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Pompeii


Pompeii (2003)
Arrow Books (2004)

Robert Harris: Pompeii
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Marcus Attilus Primus ist der neue Aquarius der Aqua Augusta, eines Aquädukts, das die Städte um den Vesuv mit Wasser versorgt. Im Wasser wird Schwefel entdeckt, was nur auf einen Schaden im Aquädukt zurückzuführen sein kann. Gegen viele Widerstände gelingt es ihm, Plinius dem Älteren zu überzeugen und mit einer von diesem ausgestellten schriftlichen Anweisung, erhält er von Ampliatus, einem einflussreichen Exsklaven, mit dem er gleich an seinem ersten Arbeitstag aneinandergeraten ist, das erforderliche Personal und Material, ohne zu wissen, dass sein größtes Problem nicht menschengemacht sein wird.

Kein Thriller, auch wenn -zig Kritiken einem das weismachen wollen. Aber ein sehr, sehr spannender Historienroman, der nach dem selben Schema funktioniert, wie z.B. der Titanic-Film von Cameron.

Ich habe bereits einige Bücher gelesen, die Autoren in der Römerzeit angesiedelt haben. Immer ging es entweder um die Herrschenden oder um das Christentum.

Hier spielt das keine Rolle. Harris schildert römischen Alltag - und das vollständig überzeugend.

Ein spannendes, gutes Buch. Ein echter Harris eben.




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The Second Sleep


The Second Sleep (2019)
Arrow Books (2020)

Robert Harris: The Second Sleep
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Ich lese alles von Robert Harris.

Die Beschreibung auf der Rückseite des Romans ist so nichtssagend, dass ich keine Ahnung hatte, worum es eigentlich geht.

Nach dem ersten Satz des Buches, in dem der Beginn der Geschichte auf den 9. April im Jahre des wieder wiederauferstandenen Herrn 1468 datiert wurde, bin ich davon ausgegangen, dass Harris den Roman im Mittelalter angesiedelt hat.

Zunächst spricht auch nichts gegen diese Annahme.


Der junge Priester Christopher Fairfax reitet nach Addicott St George, um die Beerdigung des letzten Priesters vorzunehmen. Er kommt spät abends, bei schlechtem Wetter an, wird von der Haushälterin empfangen und bereitet für den nächsten Tag die Trauerrede vor.

Mitten in der Nacht erwacht er von lautem Reden. Da er nicht weiterschlafen kann, schaut er sich in dem Zimmer um, das ihm als Schlafraum zugewiesen wurde.

Dann ist auf einmal von Plastikflaschen die Rede. Ich denke noch, dass ich irgendwas falsch verstanden habe, dass es hier vielleicht eine Bedeutung gibt, die ich nicht sehe. Aber schon eine Seite später ist die Rede davon, dass Fairfax ein uraltes Gerät von Apple findet.


Allmählich erfährt der Leser, dass man sich rund 800 Jahre nach einer sogenannten Apokalypse befindet. Es deutet sich an, dass es dabei um einen weltweiten Zusammenbruch der Stromversorgung irgendwann im 21. Jahrhundert handelt. Wodurch die ausgelöst wurde, ist - zumindest wo ich mich in der Lektüre befinde - nicht bekannt. Die Bevölkerungszahl in Großbritannien ging von rund 60 Millionen Einwohner auf 6 Millionen zurück. Mit dem Verschwinden der Technik wurden die Kirchen wieder stärker. Der Preis für das Wiedererstarken der Religion ist eine Verkürzung der Lebensspanne von rund 100 Jahren auf nur noch 50 Jahre und ein Leben voll Krankheiten und Mühsal. Denkverbote wurden eingeführt, Wissenschaft zu Teufelszeug verdammt.

Fairfax muss erkennen, dass sein Vorgänger auf irgendetwas gestoßen ist, was die Kirche wohl als Gotteslästerung bezeichnet hätte. Die Frage ist: Starb der Pfarrer durch einen Unfall? Oder hat irgendjemand nachgeholfen?

Der Priester nimmt Kontakt zu Lady Durston auf, deren verstorbener Mann immer wieder Artefakte der Vergangenheit ausgegraben hat. Die beiden beschließen, eine Veranstaltung des "Ketzers"Nicholas Shadwell auf, der einige erstaunliche Dinge über die Vergangenheit zum Besten gibt. Gerade als er die statische Elekrizität erklärt, wird die Versammlung gestürmt und er wegen Ketzerei verhaftet. Mit Hilfe von John Hancock, dem Verlobten von Lady Durston, geling es, Shadwell auf Kaution freizubekommen.

Es wird immer klarer, dass die Kirche versucht, alles Wissen zu unterdrücken. Man ahnt, dass Wissen und wissenschaftlicher Fortschritt ihre Machtbasis zerstören würde.

Am Todesort des alten Priesters findet die kleine Gruppe eine ganze Menge menschlicher Knochen. Es nach einem Friedhof aus, was darauf hindeutet, dass vor der Katastrophe in direkter Nähe eine Ansiedlung gewesen sein muss, von der nichts geblieben ist.

Im Haus von John Hancock ist der Empfang recht frostig. Die Schwester Hancocks sieht durch Lady Durston ihre eigene Rolle in Gefahr.

In der Nacht erhält Fairfax überraschend Besuch von Lady Durston. Obwohl sie mit Hancock verlobt ist und Fairfax ein Keuschheitsgelübde abgelegt hat, schlafen die beiden miteinander. Im Schlaf danach werden sie durch Klopfen an der Tür geweckt. Es ist Hancock.

Zu den Problemen, die sich aus der Geschichte und deren Ausnutzung ergeben, kommen nun noch persönliche Konflikte hinzu.

Hancocks Schwester hat gesehen, dass Lady Durston das Zimmer von Fairfax betreten hat und zieht die richtigen Schlüsse. Sie erpresst ihn: Enweder löst Lady Durston die Verlobung oder Hancock erfährt von seiner Schwester, was geschehen ist.

Fairfax erfährt, dass die Haushälterin seines Vorgängers seine Geliebte war, außerdem ist das stumme Mädchen gar nicht stumm und noch dazu die Tochter des Pfarrers und seiner Geliebten.

Von ihr erfährt Fairfax, dass sein Vorgänger am Tag vor seinem Tod Besuch von Shadwells Assistenten erhalten hat.
Langsam verdichtet sich der Verdacht, dass dieser Assistent ein Spion des Bischofs ist und der alte Pfarrer die blasphemischen Bücher vom Bischof zu Aufbewahrung bekam.

Fairfax beichtet Hancock seinen Fehltritt, worüber dieser wenig begeistert ist. Eine größere Auseinandersetzung bleibt nur aus, da es unter den Männern, die am Todesort des alten Pfarrers eine Ausgrabung vornehmen sollen zu einem Todesfall kommt.

Der Roman geht seinem Ende entgegen. Alles hängt mit allem zusammen. Was wird gefunden werden? Bisher sah es nach einem Friedhof im Zusammenhang mit einer Hinrichtungsstätte aus. Aber ich traue Harris mehr zu. Es wird irgendein Geheimnis geben, dass die ganze Gesellschaft in Aufruhr versetzen wird. Ganz sicher.

Bei den Grabungen wird eine Kammer freigelegt. Kaum hat die Gruppe sie betreten tauchen Sheriffs - und der Bischoff auf. Dann entdecken sie, wer hier begraben ist - und sie müssen erkennen, dass hinter etwas geschehen ist, das ihren Vermuten entgegen läuft.

Ehrlich gesagt, hat mich der Schluß etwas enttäuscht. Niemand wird glücklich, wie das Leben für die Leute im Dorf weitergeht bleibt rätselhaft, wie die Kirche sich weiterentwickelt ebenfalls.

Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass Harris etwas geplant hatte, dann jedoch einfach die Geschichte irgendwie zum Ende bringen wollte, weil er die Lust an der Geschichte verloren hat.

Oh, nicht falsch verstehen: Das Buch ist gut lesbar, es regt auch zum Nachdenken an, denn es postuliert, dass unsere Zivilisation ganz schnell zerstört werden kann, wenn - aus welchem Grund auch immer - irgendwann die Stromversorgung zusammenbricht und alle unsere Fortschritte damit nutzlos werden, da Strom das ist, auf das wir in keiner Situation verzichten können.

Ehrlich gesagt, hat mich der Schluß etwas enttäuscht. Niemand wird glücklich, wie das Leben für die Leute im Dorf weitergeht bleibt rätselhaft, wie die Kirche sich weiterentwickelt ebenfalls.

Der Titel des Romans ist wahrscheinlich mehrdeutig gemeint. Unter zweitem Schlaf (bzw. biphasischem Schlaf) versteht man z.B. Nachtschlaf plus Mittagsschlaf (ich selbst neige zum triphasischen Schlaf, d.h. Nachtschlaf plus ein Nickerechen am späten Vormittag und Nickerchen am Nachmittag). Harris lässt seine Hauptpersonen vor Mitternacht schlafen und nach Mitternacht, wahrscheinich bezieht er den Titel aber auf die Entwicklung der Menschheit vor Einwicklung der modernen Technik und nach Zusammenbruch der Technik. Das volle Potential der Menschheit ruht in diesen Zeiten. Aber das ist natürlich nur Spekulation meinerseits. Vielleicht hatte er ganz andere Hintergedanken.

Ein lesbares Buch, wie von Harris gewohnt, aber weit davon entfernt sein Bestes zu sein.

Für Komplettisten.

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Titan


Lustrum (2009)
Heyne (2009)

Robert Harris: Lustrum Robert Harris: Titan
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Fortsetzung von Imperium.

Der Roman behandelt die Zeit von Ciceros Konsulat bis zu seiner Flucht aus Rom.

Caesar wird immer mehr zum Gegenspieler Ciceros. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass Harris in Caesar einen Vorgänger Hitlers sieht. Vieles, was er in Zusammenhang mit dem Römer beschreibt, findet man auch in Hitlers Werdegang.

Es ist eine Tatsache, dass (der reale) Caesar die Republik beendet und das Kaiserreich installiert hat. Die Frage stellt sich allerdings für mich, ob das zum Nachteil des Reiches war oder nicht. Für die Welt an sich, dürfte es keinen Unterschied gemacht haben, ob eine funktionierende Republik oder ein Kaiser das Sagen hatte.

Aber funktionierte die Republik noch?

Ohne Caesar sähe die Welt heute wohl anders aus. Man lebte damals nicht friedlich miteinander. Wenn man etwas wollte, was der Nachbar hatte, nahm man es sich. Und römische Senatoren waren wohl mehr sich selbst als ihrem Land verpflichtet. Der Zusammenbruch des römischen Reichs war unvermeidlich - weil jedes Reich früher oder später kollabiert - oder von außen niedergezwungen wird.

Harris' Verdienst ist es, dass man Cicero, Caesar, Pompeius als Menschen sieht. Menschen mit Stärken und Schwächen - und das vieles, was dem Historiker klar ist, dem Laien verständlich gemacht wird.

Wieder einmal eine hervorragende Arbeit von Harris. Nicht nachvollziehbar ist für mich, warum man in Deutschland den Originaltitel (Lustrum = ein alle fünf Jahre stattfindendes Sühneopfer) nicht beibehielt. Warum man ihn in den USA opferte (dort erscheint der Roman als Conspirata) ist völlig klar. Lustrum hätte die prüden Amerikaner an Sinneslust denken lassen.




Der Beginn des Romans:

Robert Harris Wolfgang Müller
Two days before the inauguration of Marcus Tullius Cicero as consul of Rome, the body of a child was pulled from the River Tiber, close to the boat sheds of the republican war fleet. Zwei Tage vor der Amtseinführung von Marcus Tullius Cicero zum Konsul von Rom wurde nahe den Schiffshäusern der republikanischen Kriegsflotte die Leiche eines Kindes aus dem Tiber gezogen.


Eine leichte Satzumstellung, die das Geschehen zugunsten der Ortsbeschreibung weiter nach hinten rückt.

Das Ende des Romans:

Robert Harris Wolfgang Müller
I could not make out his face in the darkness as he said this, which perhaps was just as well, but after a moment or two he stood and brushed the dust off his old tunic, and resumed his journey, in the opposite direction to Caesar's. Als er das sagte, konnte ich wegen der Dunkelheit sein Gesicht nicht sehen, was vielleicht auch gut war. Im nächsten Augenblick stand er auf, klopfte sich den Staub von seiner alten Tunika und ging weiter, in die entgegengesetzte Richtung von Caesar.


Auffällig ist, dass Müller den Satz aufteilt, was den Kommentar Tiros mehr Gewicht verleiht. Bei Harris geht Cicero nicht nur weiter, sondern er setzt seine unterbrochene Reise fort. Im ersten Moment kein allzu großer Unterschied, aber bei Harris kann man unterstellen, dass nicht nur der Fußweg sondern auch der Lebensweg gemeint ist. Der Originalsatz hat also eine weiterreichende Bedeutung als die Übersetzung.
Mail an Ralf H.

Vaterland


Fatherland (1992)
Heyne (1992)

Auf dieses Buch hat mich Der Spiegel aufmerksam gemacht.

Sehr interessant geschrieben, dabei gut recherchiert. Man merkt, dass Harris Historiker ist.

Ein Waswärewenn-Roman, keinen Moment sonderlich originell, aber man wird schnell in die Handlung hineingezogen und von ihr gefesselt.
Mail an Ralf H.