Die Rad-WM war etwas, das keiner in meinem engen oder weiteren Bekanntenkreis in Botnang haben wollte.
Bereits der Versuch im Juni hatte gezeigt, daß halb Stuttgart lahm gelegt sein würde.
Es kam genauso schlimm, wie befürchtet.
Und noch schlimmer.
Doping war zum alles beherrschenden Thema geworden. Von den Fahrern wurde eine Ehrenerklärung verlangt, die ausgerechnet der Gewinner des Vorjahres nicht unterschrieb. Die Stadt Stuttgart versuchte, ihn mit einer einstweiligen Verfügung aus dem Rennen zu werfen. Vergeblich.
Ach ja. Die Stadt. Der Bürgermeister. Auch so ein Thema. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, daß ich Schuster für einen miserablen Bürgermeister halte. Seit er das Amt ausübt, verändert sich Stuttgart - und nicht eine der Veränderungen hat der Stadt gut getan. Schusters Stuttgart ist nicht meines - und nicht das der alteingessenen Bevölkerung. Und während Stuttgart in den Medien so präsent war wie seit Jahren nicht, war Schuster wieder einmal abgetaucht (ich habe gehört, er sei wenigstens zur Siegerehrung erschienen). Nicht das erste Mal. Wahrscheinlich haben wir das medienscheueste Stadtoberhaupt, das es in Deutschland gibt. Diesmal schob er seine Sportbürgermeisterin Susanne Eisenmann vor, die sich sichtlich über die ihr geltende Aufmerksamkeit freute - wenn auch nicht über das Thema. Dem Vernehmen nach beobachtete sie das Rennen am Sonntag in Botnang.

Die Rad-WM begann am Dienstag, aber während beim Ver-kehrsverbund Stuttgart (VVS) immer ganze Abteilungen damit beschäftigt scheinen, sich neue, gerade mich treffende Fahrplanverschlechterungen und Preiserhöhungen auszudenken, gab es niemanden, der daran dachte, an der Botnanger Haltestelle Beethovenstraße ein Schild aufzustellen, daß darauf hinweist, daß man nicht von der Ortsseite, sondern nur von der Waldseite zur Haltestelle gelangt. Oh, es gab an den gelben Westen erkennbare VVS-Mitarbeiter, die den Fahrgästen helfen sollten, aber der am Samstagabend postierte Mitarbeiter dachte gar nicht daran, Leute zu informieren, das übernahm eine ausländische Zuschauerin.
Den ganzen Samstag, den ganzen Sonntag ging es Wuppwuppwupp, wenn die Hubschrauber dicht über mein Haus flogen, mir nach einer anstrengenden Woche keinen Moment der Ruhe ließen und heftige Migräne am Sonntag verursachten.
Die ersten beiden Bildreihen entstanden am Sonntagmorgen in Feuerbach. Normalerweise kommt man (einmal pro Stunde) in einer Viertelstunde von Botnang durch Feuerbach. Der Bus fiel der Rad-WM zum Opfer. Taxi? Keine Chance. Die hätten um Stuttgart herumfahren müssen und wären über eine Stunde unterwegs gewesen. Statt ca. 10 Euro hätte die Fahrt über 40 Euro gekostet - der Stuttgarter Zeitung zufolge erließen viele Taxifahrer den entsetzten Fahrgästen 10 Euro. Meiner Meinung hätte der RadWM-Veranstalter, der Weltradverband UCI, die Kosten komplett übernehmen sollen.
Also Straßenbahn. Ca. eine Stunde Fahrzeit. Am Hauptbahnhof Menschenmassen, von denen ich hoffe, sie sind auf dem Weg zum Volksfest vor zwei Tagen eröffneten Volksfest. Pech gehabt. Die Straßenbahn U9 zum Vogelsang (selbst an einem solchen Sonntag keine direkte Fahrmöglichkeit vom Hauptbahnhof nach Botnang), im Anschluß die U4 nach Botnang voller Italiener und Niederländer, die meisten gut gelaunt und friedlich, einige wenige auch grölend und deutlich angetrunken, keine Zierde für das Land, dem angeblich ihre Liebe und Leidenschaft gehört.
An den Straßen, wie in Feuerbach (dort ausgenommen einige Abschnitte der Stuttgarter Straße), eigentlich kaum Publikum. Anwohner haben sich Bänke oder Stühle aufgestellt. Aber die meisten Botnanger interessieren sich kaum für das Spektakel, das im Fernsehen eindrucksvoller wirkt als auf der Straße. Im Laufe des Nachmittags werden es an einigen Stellen mehr Zuschauer, meist wohl Ortsfremde, was auch die Nummernschilder der zahlreichen durch meine ansonsten ruhige Nebenstraße rasenden Autos erkennen lassen.
Der Rennpulk wird angeführt von einem Polizeiauto, dessen Insassen sich wegen zu schnellem Fahren eigentlich einen Strafzettel ausschreiben müßten, mit zwei roten Fahnen geschmückt, dahinter ein Wagen von Tissot, der die gefahrene Gesamtzeit anzeigt, dann die Ausreißer, der große Pulk, der eine Windwand gegen die Zuschauer preßt, die den unter Dopinggeneralverdacht stehenden Athleten wahlweise winken oder den ausgestreckten Finger zeigen, dahinter Fahrzeuge mit kompletten Fahrrädern oder Wechselrädern auf dem Dach, manchmal stark in den Kurven schwankend, mit einem Affenzahn fahren, so daß man fürchten muß, sie würden die Kurve nicht bekommen und ins Publikum rasen. Am Schluß verschiedene Krankenwagen, weiße und gelbe (fürs Publikum oder die Fahrer?). Dann eine halbe Stunde Pause.
Es ist den ganzen Tag das selbe.
Zur letzten Runde geh ich zur Beethovenstraße hinunter. Dort sind die meisten Bilder entstanden.
Das Bild oben zeigt den Nürtinger Stefan Schumacher in rot und den ehrlosen Paolo Bettini an der Spitze des Feldes.
Am Schluß gewinnt der, dem man es am wenigsten wünschte und von dem jeder annimmt, daß er nachträglich wegen Dopings disqualifiziert wird: der Italiener Bettini. Schumacher landet auf Platz 3. Ob die Sportgeschichte in einem Jahr noch auf dieser Reihenfolge, auf diesen Namen beharrt?